Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Die Bibel im neuen Palästina
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 325 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Emst Simon: Die Bibel im neuen Palästina i. In der jüdischen Renaissancebewegung haben im wesentlichen drei Männer zur Bibel Stellung genommen: Achad Haam, Berdiczewsky und Josef Chaim Brenner. Achad Haam sah die Bibel als Grundlage der ganzen jüdischen Volkskultur an, die möglichst unversehrt zu erhalten und in das neue Leben hinüberzuretten sei. Als er bei einer Palästinareise eine bibelkritische Analyse des ersten Kapitels Jeremia in einer hebräischen Schule hörte, wandte er sich scharf gegen die Methoden des Lehrers und trat entschieden für die Einheitlichkeit des Bibeltextes ein, mindestens innerhalb des Unterrichts. Trotzdem war auch seine Bibelauffassung keineswegs orthodox oder auch nur ausgesprochen religiös, sah er die Bibel doch als ein Werk des jüdischen Volksgeistes an und nicht etwa umgekehrt diesen Volksgeist als ein Ergebnis der Bibel. Berdiczewsky, Achad Haams großer Gegner innerhalb der jüdisch-nationalen Ideologie, bestritt dessen Bibelauffassung ebenso wie wie ganze Lehre vom „Geist des Judentums". Er wurde nicht müde, gegen Achad Haam die Forderung aufzustellen: Nicht Judentum, sondern Juden! Er glaubte nicht an die Möglichkeit, irgendwelche objektiven geistigen Inhalte aus der jüdischen Geschichte und dem jüdischen Schrifttum herauszudestillieren, und sah die Aufgabe der jüdischen Freiheitsbewegung gerade darin, die Übermacht der geistigen Erbschaft von unsern Schultern zu tun, um in gesundeten wirtschaftlichen Verhältnissen zu neuer und eigenartiger geistiger Fruchtbarkeit zu gelangen. In diese Gesamtauffassung fügt sich Berdiczewskys Stellung zur Bibel sinnvoll ein. Schon in seinen Frühschriften unterscheidet er mehrere Schichten darin, deren Wert er nach ihrer größeren oder geringeren Nähe zu dem ursprünglichen nationalen Dasein Israels bemißt. Die Urschicht der Bibel ist kraftvoll, gesund, heroisch, „normal"; die späteren Schichten und Einschübe spiegeln die politische Schwäche des Volkes und den drohenden oder eingetretenen Verlust des Landes durch eine immer stärker einsetzende Theologisierung und Moralisierung wider, als deren Endergebnis schließlich so etwas wie Achad Haams „Geist des Judentums" oder „Ethik des Judentums" herauskomme. Berdiczewsky möchte gegenüber diesem Verfälschungsprozeß die eigentliche Urschicht der Bibel wieder lebendig machen und von der theologisch-moralischen Verwässerung befreien. In seinem hinterlassenen Werke „Sinai und Garizim" sucht er sogar aus den rabbinisch-talmudischen Quellen zu beweisen, die Eroberung 325