Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Einwanderung nach Amerika
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 324 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Carl Landauer: Einwanderung nach Amerika für den Einwanderer manche Schranken nicht existieren, die für den amerikanischen Juden vorhanden sind; daß z. B. selbst Universitäten, die im allgemeinen mit der Anstellung jüdischer Professoren zurückhalten, sich an der Berufung jüdischer Professoren aus Deutschland beteiligt haben; daß ganz allgemein die Lage eines Universitätsprofessors oder bekannten Arztes, von dem man wegen seiner europäischen Schulung eine besondere Befruchtung amerikanischen Lebens erwartet, anders ist als die eines durchschnittlichen jüdischen Amerikaners, der etwa irgendwo eine Stellung sucht. Man muß auch noch vor einer dritten Fehlhaltung warnen, obwohl sie für die Gemeinschaft ziemlich unschädlich ist; für ihren Träger ist sie um so schädlicher. Nicht ganz wenige der aus Deutschland Gekommenen fühlen sich unter Juden und Nichtjuden gleichmäßig verlassen. Sie haben das Gefühl, daß alle eine andere Sprache reden, buchstäblich und im übertragenen Sinn, und kommen nicht dazu, zu erkennen, daß man auch auf Englisch die gleichen Gedanken ausdrücken und die gleichen Fragen fragen kann, die Menschenherzen immer und überall bewegt haben. Diese Menschen ziehen sich so viel als möglich von allem Amerikanischen zurück, verkehren meist untereinander, oft nur unter ausgewanderten Berufsgenossen, werden dann natürlich auch von allen links liegen gelassen, und wenn sie es nicht über sich bringen, ihre Haltung zu ändern, werden sie nie die wichtigste Voraussetzung für den Umgang mit amerikanischen Menschen und den Erfolg im amerikanischen Leben erfüllen: guten Humor und die Fähigkeit, sich in die Interessen seiner Mitmenschen einzufühlen, auch wenn sie von den eigenen sehr verschieden sind. Die wichtigste allgemeine Regel für den Einwanderer nach Amerika heißt: was in Deutschland unter den gleichen Verhältnissen richtig wäre, wird in neun Zehnteln aller Fälle auch in Amerika mindestens nicht ganz falsch sein. Krampfhafte „Amerikanisierung" ist der schlimmste Fehler, den man begehen kann. Intensiver Gebrauch des Lippenstifts und Gummikauen sind weniger unerläßlich, als die meisten denken, und niemals ein Ersatz für gutes Englisch'. Kein Amerikaner findet es merkwürdig, daß der Neuankömmling anders spricht und sich anders beträgt als der Alteingesessene; man verzeiht ihm auch, daß er unwissentlich Sitten des Landes verletzt, wenn man bemerkt, daß er bemüht ist, sie zu verstehen. Aber eines ist unerläßlich: menschlicher Takt. Wer in einer neuen Umgebung lebt und deshalb den Halt an den gewohnten gesellschaftlichen Formen verloren hat, ist einer scharfen Probe seiner menschlichen Qualitäten unterworfen; alle unsere Freunde, die nach Amerika kommen, müssen sich bemühen, diese Probe zu bestehen. 324