Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Das jüdische Buch
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 316 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Das jüdische Buch sationen und also der Öffentlichkeit verantwortlich, hat bisher die Erwartungen noch nicht erfüllt: die Jüdische Buchvereinigung verfügt über einen Mitgliederkreis, der ihre Pläne weitgehend sichert, hat jedoch, von merkwürdigen Ablegern abgesehen, ein Anfangsstadium des Vielerlei im Grund noch nicht überwunden und jedenfalls weder eine planmäßige Auswahl ihrer Produktion noch eine überlegte Förderung der fast nur auf sie angewiesenen jüdischen Erzähler erkennen lassen. Die großen (z.B. geschichtlichen) Aufgaben, die die Kraft eines Verlags übersteigen und den Großgemeinden und Landesverbänden zukämen, sind vollends unerledigt geblieben; nur die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums führt in Verbindung mit einem wissenschaftlichen Verlag das Quellenwerk Germania Judaica weiter. Es gibt Fragen der Produktion und des Vertriebs, die organisatorisch zu lösen sind. Entscheidend für die Zukunft des jüdischen Buches ist das nicht. Kaum ein anderes Gebiet spiegelt so scharf die seelische Lage, und wenn der Spiegel Flecke zeigt, sind es die Fehler dessen, was er wiedergibt: des Publikums. Jüdische Leser waren vor dem Umbruch eine Gruppe, deren Zustimmung oder Ablehnung ins Gewicht fiel. Man sollte denken, daß eine neue Lage zu erhöhter Wachheit, zu doppelter Anstrengung führen müsse, die Wirklichkeit geistig zu bewältigen, daß die Befreiung von manchen Auswüchsen des gesellschaftlichen „Betriebs" auch den Geist befreien müsse von manch selbstgesetzter Schranke. Wir grüßen die Einsamen, die sich den Zugang bewahren zu jener besten Gesellschaft der Welt, die keine Trennung kennt und keine Verstimmung, die tröstend, hebend, still und geduldig wartet, bis man zu ihr zurückkehrt: es ist die Blüte menschlichen Geistes, zwischen zwei Buchdeckel gebannt. Andere aber scheinen nie gehört zu haben, daß je näher die Kälte der Luft die Gefahr des Erfrierens rückt, desto mehr das Bedürfnis wächst, nur um jeden Preis einzuschlafen. Man darf sie nicht einschlafen lassen, wenn man es gut mit ihnen meint, sollten die Formen ihres Schlafes sich auch hinter Namen wie Geselligkeit, Musik oder Bridge verstecken, Dingen also, die zur Entspannung, zum Genuß an sich förderlich und notwendig sind. Der Sinn, der lange umhertastend sich wund gestoßen hat, mag sich erholen; resignieren darf er nicht. Wenn der jüdische Leser es will, wird er jederzeit das jüdische Buch vorfinden, das ihm gemäß ist. Ob er es will, ist die Schicksalsfrage an jeden einzelnen, ob er Umstände, und seien sie wie immer, für stärker anerkennen will als sich selbst. H.B. 316