Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-10-01 · Heft 7 (Oktober 1937) · p. 310

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1937)
Article
Umworbene Juden [Rezension]
Date
1937-10-01
Page
310 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895574-2907601--10134-2907661
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ten Politikers, ist bei 200 000 Exemplaren angelangt; das Buch eines Theologen, „Juifs et Chretiens", von Joseph Bonsirven, nähert sich dem dritten Hunderttausend. Beweisen nicht auch solche Auflageziffern der durchaus nicht billigen Bände, in einem wie hohen Grad die jüdische Frage gegenwärtig drüben aktuell ist? Beide Bücher, das politische und das katholisch-theologische, laufen gedanklich über weite Strecken parallel, beide sind „philosemitisch", freilich mit einem scharf egoistischen Akzent. „Les Juifs en France": den Juden soll geholfen werden; aber das Rezept — die Massentaufe — stammt von einem Arzt, der seine national-französischen Motive dabei nicht verschweigt. Er erhofft von einer hundertprozentigen Assimilierung zunächst die Ausscheidung eines politischen Antisemitismus, der den französischen nationalen Elan heute beeinträchtige; dann aber erwartet er, positiv, von einer restlosen 'Blutmischung eine Stärkung französischer nationaler Leistungswerte. „Juifs et Chretiens": gewiß soll auch mit dem katholischen Rezept, ebenfalls der Massentaufe, den Juden geholfen werden; aber diesmal im Interesse der katholischen Kirche. Den Judaismus „auflösen", heißt für den katholischen Arzt, die Juden „erlösen", vom Antisemitismus und vom Judentum zugleich. Von beiden Seiten werden die Juden umworben, zugunsten der nationalen, zugunsten der katholischen Mission. Das Rezept ist ja nicht neu; doch neu sind die Intensität und die Vielfalt, mit der es heute in Frankreich angepriesen wird. Denn wie der Politiker geht der katholische Theologe von der heutigen jüdischen Situation in Frankreich aus. Auch er schildert den Aufstieg der Juden auf allen Gebieten bis zu dem gegenwärtigen respektablen Status. Und auch er sieht als Folge, zumal im Rahmen der wenig konsolidierten politischen Gesamtsituation, eine antisemitische Gefahr. (Beide Autoren wissen sehr gut, daß der französische Antisemitismus mit der Liquidierung der Dreyfus-Affäre zwar zurückgedrängt, jedoch keineswegs überwunden wurde.) Es sind also durchaus nicht nur Theorien, sondern sehr praktisch gemeinte Vorschläge. Bonsirven führt, um seine These zu stüzen, die aufsteigende Kurve der Juden-Taufen in verschiedenen Ländern an. In Rußland: 1871— 1880 4558, 1881—1890 6890, 1891— 1900 9895. In Preußen traten zur protestantischen Kirche über: 1848 —1879 2794, 1880—1899 5130, 1900 —1924 7936 Juden; der Jahresdurchschnitt hat sich also von 86 auf 317 erhöht. Wien zeigt eine noch deutlichere Zunahme katholischer Taufen: 1930 116, 1933 309, 1934 556. In Ungarn: 1927 412, 1928 517, 1929 588, 1930 655, 1931 636, 1932 688, 1933 909. Die Zahlen mögen unvollständig sein, sagt der Autor; sie mögen in ihrer Relation zur gesetzes- und volkstreuen Judenheit der "Welt eher als Beweis für den ungebrochenen Selbsterhaltungswillen angesehen werden als für das Gegenteil; gleichviel: er sieht in der absoluten Zunahme eine feste Stütze seiner These und zitiert die Worte eines englischen Schriftstellers: „In der fünften Generation ist der Jude in der englischen Na- 310

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.