Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1937)
- Article
- Eine Märchennovelle zweier jüdisch-deutscher Erzählerinnen
- Date
- 1937-10-01
- Page
- 305 (sequence 4)
- Language
- German
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Eine Märchennovelle zweier jüdisch-deutscher Erzählerinnen Kaisers. Beide Motive für sich allein bilden den Inhalt von Märchen, die in der internationalen Märchenliteratur in zahllosen Varianten und Gestaltungen vertreten sind, und die auch in der jüdischen Märchenliteratur wiederholt auftreten. Der erste Teil entspricht der Erzählung „Das verwahrte Gut" in M. J. bin Gorions schöner Sammlung „Der Born Judas": Eine reiche junge Witwe, die von dem Statthalter der Landschaft mit seinen Anträgen verfolgt wird, flieht aus dem Lande, nachdem sie ihr ganzes Gold in irdene Krüge tat, in die sie oben eine Schicht Honig auflegte, und die Gefäße einem Freunde ihres verstorbenen Mannes zur Aufbewahrung gab. Als dieser in der Zeit ihrer Abwesenheit zur Feier der Verlobung seines Sohnes Honig brauchte, öffnete er die Krüge, nahm sich das Gold heraus und füllte sie dann ganz mit Honig. Später kehrt die Frau zurück, entdeckt den Diebstahl, klagt vergeblich dem König Saul ihr Leid, bis der junge David, der zur Zeit noch ein Hirtenknabe war, eingreift, die Krüge zerbricht, die Scherben untersucht und an der inneren Wand eines Topfes noch zwei Goldstücke kleben findet. Vermutlich kannten die Verfasserinnen unserer Erzählung dies Märchen aus dem jüdisch-deutschen Maassebuch, dem seinerzeit außerordentlich gelesenen Volksbuch, das sehr viel altes Erzählgut in volkstümlicher Sprache darbot. In demselben Maassebuch findet sich auch die zweite Erzählung, die die Grundlage unserer kleinen Märchennovelle wurde, die Erzählung von der Wette um die Tugend der geliebten Frau. Wieder handelt es sich um ein vielfach verbreitetes internationales Märchenmotiv, das zum Beispiel aus Shakespeares Cymbeline und Webers Oper Euryanthe am bekanntesten ist. In dem Maassebuch wettet der Sohn des Vizekönigs aus Portugal in ähnlicher Weise wie in unserer Geschichte mit einem Studenten, der sich anheischig macht, die treue Frau des Vizekönigs zu verführen; der Student bedient sich der Hilfe einer alten Frau, der „Schmiedin", um sich die nötigen Wahrzeichen zu besorgen, und schließlich ist es wieder die treue Frau, die durch Verkleidung und List alles ins Reine bringt, wenn auch natürlich die Einzelheiten von der Novelle der Prager Jüdinnen abweichen. Aber wenn auch so die beiden Hauptmotive der kleinen Erzählung: die Geschichte vom verwahrten Gut und der Entdeckung des Betruges einerseits, andererseits die Geschichte von der Wette um die Treue der Braut, ihre Versuchung und Rettung durch eine List, altbekannte, auch im jüdischen Schrifttum mehrfach aufgenommene Stoffe sind, so ist doch die Zusammenfügung der beiden Motivreihen zu einer kleinen Novelle und ihre Verknüpfung mit der starken jüdischen Einwanderung in Prag gegen Ende des 17. Jahrhunderts das persönliche Werk unserer beiden Erzählerinnen, und das berechtigt vielleicht zu dem Versuch, in unseren Tagen auf diese so gut wie ganz unbekannte, erste in deutscher Sprache verfaßte Novelle zweier jüdischer Frauen aufmerksam zu machen. Das Septemberheft enlhielt u. a.: Herbstfeierlage / Alexander Alimann, Dogmen im Judenrum? / Meia Brinkmann, Ein verlorener Bruderstamm | Hermann Sinsheimer, Alvaro Mendez, Herzog vonNrytilene I Carl Cohen, Können wir die Vergangenheit verstehen? / Walter Laaser, Über Schrift und Buch / Oskar Gulimann, Die Orgel in der Synagoge Im Novemberheft schreiben u. a.: Ernst Simon, Die Bibel im neuen Palästina / Carl Landauer, Einwanderung nach Amerika I Günter Friedländer, Das Ende der Bünde, II: Aufbau der Jugend 305