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Der Morgen · 1937-10-01 · Heft 7 (Oktober 1937) · p. 297

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1937)
Article
Der Schuhkarton
Date
1937-10-01
Page
297 (sequence 5)
Language
German
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Der Schuhkarton Dame, gute Dame, kaufen Sie mir etwas ab/ Und wenn Ihnen von meinen guten Freunden keiner etwas abkauft, Mayerlein, seien Sie nicht traurig. Der Himmel wird alle guten Freunde strafen. Ein Rohrbruch wird entstehn in ihren Wohnungen, das Wasser wird in Strömen fließen, wird sie peitschen und alles verderben. So. Und hier sind einsfünfundsiebzig. Ich danke Ihnen bestens, Mayerlein —" — Knick. — Er geht, unterm Arm den Schuhkarton, der Erfinder der gelöteten Hilflosigkeit, ein großer Künstler — wie alle Künstler nur imstande, das eigne Wesen zu gestalten. Knick. Verhüte, daß er seinen Kopf verliert. Knick. Verhüte, daß er einmal zusammenbricht und niemand zuspringt und ihm wieder auf die schwanken Beine hilft. Knick. Ich darf mich jetzt nicht gehen lassen. Wenn ich mich jetzt gehen ließe, müßte ich schreien vor Grauen und Angst — Tausend Juden laufen durch diese Stadt — knick —, unterm Arm den Schuhkarton. Es ist nicht auszudenken. Gott im Himmel, erbarme dich! Unsinn! Menschenherz, erbarme dich! Knick. — Jaköppchen holte sich einsfünfzig, um zehn Uhr. Mehr konnte ich ihm heut nicht geben. Lise kam zum Mittagessen, um ein Uhr. Ich hab' ihr die letzten Eier gebraten und Haferbrei gekocht. Berlin-Charlottenburg, am 29. September. Knick. Meine Damen und Herren, im Rahmen unserer Erzählung bringen wir Ihnen nunmehr eine kleine Traum-Revue, sozusagen ein Echo des Tages. Wir befinden uns auf dem Klavier auf einem blankpolierten Messingteller. Dürfen wir Sie zunächst mit der überragendsten Vertreterin der bunten Gesellschaft bekanntmachen? Gestatten Sie: die Pflaumenfrau. Eine Trachtendame, Walnußkopf mit rotem Tuch, Feigenleibchen mit hellblauen Knöpfen, Baumwollschärpe und Krepp-Papier-Rock. Arme und Beine sind Pflaumen auf Draht, die ganze Dame steht auf Draht. Es handelt sich um eine Dame, ich kann's beschwören, sie ist eine gute Freundin von mir. Sie hat die Augenbrauen fortrasiert und trägt zwei Tuschestriche auf der Walnußstirn; die Augen schimmern groß und glotzen: die Dame träufelt täglich Belladonna. Schnäuzchen, Regenschirm und Hölzchennase sind rot. Beachten Sie bitte den Umstand, daß die Ihnen geschilderte Dame keine Ohren hat. Daraus lassen sich gewisse Schlüsse ziehen, Traumschlüsse selbstverständlich. Wir halten es für gar nicht ausgeschlossen, daß die Dame überhaupt kein Herz hat. Meine Herrschaften, gestatten Sie, Ihnen an zweiter Stelle vorzuführen die Gebrüder Zwerg aus Sachsen. Sie bestehen ganz aus rotlackiertem Holz, haben helle bärtige Gesichter und rote spitze Zipfelmützen über dem Kopf. Sie sitzen beide auf kleinen Podesten. Der Ältere heißtt Nathan Zwerg und kommt er- 297

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