Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Die Orgel in der Synagoge
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 260 (sequence 3)
- Language
- German
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Oskar Guttmann: Die Orgel in der Synagoge ist aber in der Synagoge ebensowenig unorganisch, als sie es vor 1200 Jahren in der Kirche war. Gewiß ist sie von der Entwicklung der christlichen Kirchenmusik nicht zu trennen; aber deshalb ist sie noch kein „ausgesprochen christliches Kultgerät", sonst wäre sie in profanen Konzertsälen nicht am Platze. Es kommt im Augenblick nicht so sehr darauf an, welches Instrument in der Synagoge gespielt wird, als vielmehr, was für eine Musik man darauf macht. Auch Idelsohn, kein Freund der Orgel, aber aus praktischen Gründen nicht gegen ihre Verwendung, meint, die unjüdische Musik störe, die auf der Orgel gemacht wird, nicht die Orgel. Die Musik ist entscheidend, das jüdische Wesen, der jüdische Geist in der Musik, nicht das Instrument. Wir hörten unlängst den Weinbergschen Kabbolas Schabbos; da waren ein paar Orgelzwischenspiele, die diesen Geist atmeten. Solche Musik soll man auf der. Orgel machen, nicht die romantische Stimmungsmusik, die unjüdisch ist wie fast die ganze Musik, die wir heute in den Synagogen hören. Hier sollte der Kampf der überlieferungstreuen Rabbinen einsetzen, gegen diese Musik sollten sie scharf Front machen, nicht gegen die Orgel. Leider aber ist das Interesse für die echte synagogale, die wahrhaft jüdische Musik in allen Kreisen des Judentums, auch in den toratreuen, sehr gering. Man weiß auch zu wenig davon. In den Rabbiner-Seminaren wird über Musik nicht gesprochen, obwohl die Bibel voll davon ist. Auch über die Frage, wer die Orgel spielen soll, dürfte es keine Meinungsverschiedenheit geben. Nur jüdische Musiker kommen in Frage. Man muß in den Geist der hebräischen Sprache und ihrer musikalischen Gestaltung, in das Wesen jüdischer Musik eingedrungen sein, um im jüdischen Gottesdienst Orgel zu spielen. Ein jüdischer Organist wird auch in seiner Registrierung versuchen, den Charakter der alt jüdischen Musik zu wahren. Das Orgelspiel als „Arbeit" zu bezeichnen, ist ganz abwegig: der elektrische Strom, der die Orgel treibt, kann vor Beginn des Feiertages eingeschaltet und erst nach Ende ausgeschaltet werden, und getragen wird das Instrument ja auch nicht mehr. Wahrscheinlich wären aber die jüdischen Musiker, die sich mit der Frage der Orgel und der jüdischen Musik befassen, mit der Abschaffung der Orgel in dem Augenblick einverstanden, in dem man in die Synagoge wieder die Instrumente einführte, die im alten Tempel erklangen. Es ist nicht richtig, daß die Musik beim Gottesdienste fehlte oder nur Begleitung war (dem widersprechen z. B. 1. Chronik i5, 24 und viele andere Stellen), wenn es auch sicher zutrifft, daß Vokalmusik den Kern des Gottesdienstes bildete. Es ist auch nicht zutreffend, daß Frauen nicht im Tempel sangen: die Töchter Hemans sangen mit (1. Chron. 25, 5, 6). Man sang einstimmig (2. Chron. 5, i3), a capella und mit Instrumentalbegleitung. Und wenn die Hüter der Tradition dafür sorgten, daß Nebhel, Kinnor und Minnim, Chazozra und Ugab, Toph, Zilzelim und Menaanim und alle die anderen Saiten-, Blas-, Schlag-, Schottel- und Lärminstrumente wieder in der Synagoge erklängen, dann könnte die Orgel ruhig entfernt werden, dann brauchten wir sie nicht mehr. Denn dann haben wir in der Synagoge die Musik, die wirklich der Tradition der Bibel entspricht. Aber solange das nicht der Fall sein wird, solange wollen wir die Orgel als eine Bereicherung der Andacht und der musikalischen Ausgestaltung gelten lassen. 260