Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Die Orgel in der Synagoge
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 258 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- Seesen 1× ep/1048106
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oskar Guttmaim: Die Orgel in der Synagoge In Zürich ist aufgrund einer Abstimmung in der Gemeinde die Orgel aus der Synagoge entfernt worden. Von orthodoxer Seite war ihre Einführung schon immer bekämpft worden; wie aber ist die Frage nach ihrer Berechtigung von der musikalischen Seite her zu beantworten? Soweit wir aus Analogien mit altorientalischer Musik (jemenitische und griechische Melodien, Gregorianik, Lehre von den Neumen, zu denen die Neginot gehören) schließen können und soweit wir aus der heute im Orient herrschenden arabischen Musik bei ihrer konservativen Haltung schließen dürfen, ging die altjüdische Musik, die orientalische Musik gewesen sein muß, vom Vokalen aus. Sie war nicht harmonisch gebunden, ohne Rhythmus und Takt in unserem Sinne, von einstimmiger Melodienlinie und andern Betonungsgesetzen als die abendländische Musik. Die Orgel, 1810 von Jacobsohn in Seesen in die Synagoge genommen, ist ein Harmonie-Instrument und zwang die bis dahin in der Synagoge übliche, instrumental unbegleitete Musik in ein Harmoniesystem, das deren innerstem "Wesen nicht gemäß sein konnte. Von wirklich altjüdischer Musik bestand freilich kaum noch etwas, so daß man nur in eingeschränktem Sinne von einer traditionellen jüdischen Melodik sprechen konnte. Aber selbst das wenige dieser orientalischen, oder besser, orientalisierenden Musik erhielt durch die abendländische Harmonik der damals herrschenden Romantik und durch die damit verbundenen rhythmischen Ausdeutungen eine musikalische Einkleidung, die den ursprünglichen Charakter dieses Musikgutes beeinträchtigen und grundlegend verändern mußte. Da inzwischen die Forschungen einer Anzahl jüdischer und nicht jüdischer Musikgelehrter auf die so lange verschütteten alten Quellen zurückführten und man sich mit Hilfe der vergleichenden Musikwissenschaft wieder ein ungefähres Bild der altorientalischen, also auch der altjüdischen Musik machen kann, besteht bei einem Teil der jüdischen Musiker, die der Synagoge eine wirklich jüdische Musik wiedergeben wollen, die Tendenz, die Orgel wieder aus der Synagoge auszuschalten. Eine Harmonisierung nun braucht an sich das Wesen der älteren synagogalen Melodien noch nicht unbedingt zu verfälschen. Der Fall liegt genau so wie beim gregorianischen Gesang der katholischen Kirche, dessen Melodien auch ohne jede Absicht auf harmonische Begleitung erfunden worden sind. Die Erörterungen über eine angemessene Begleitung des gregorianischen Chorals sind jahrhundertealt, die Versuche einer stilreinen harmonischen Ausdeutung zahlreich. Gefährlich ist das Hineintragen abendländischer Harmoniege>vohnheiten bei der Gregorianik in die Kirchentöne, bei der jüdische Melodik in die ihr eigentümlichen Tonreihen, die sich oft mit arabischen Makamen decken. Daß die Chromatik, die diese Art Musik bis zur Unkenntlichkeit entstellt, zu vermeiden ist, darüber ist man sich wohl klar. Aber über eine endgültige harmonische Ausdeutung müßten sich die jüdischen Musikhistoriker und die jüdisch empfindenden Musiker einmal ebenso unterhalten, wie man es auf christlicher Seite tut. Deswegen schafft man aber in der Kirche, in der es ebenfalls Gegner der Orgel gibt, diese nicht ab und 258