Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Gedanken über Gott
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 249 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Carl Cohen: Können wir die Ideenwelt der Vergangenen verstehen? Man verwechsle doch die Zeremonien der Religion nicht mit der Religion selbst! Der Dienst, den Gott fordert, ist der Dienst des Herzens; und der bleibt sich überall gleich, wenn er aufrichtig ist. Durch meine Fehler werde ich zum Sklaven, frei aber durch mein Gewissen. Solange es noch rechten Glauben unter den Menschen gibt, soll man zufriedene Herzen nicht beunruhigen, soll den Glauben der Schwachen nicht durch Einwendungen stören, die sie nicht zu lösen vermögen, durch die sie beunruhigt, doch nicht erleuchtet werden. Erhalte dein Gemüt stets in der Verfassung, daß es wünschen kann, es gibt einen Gott, und du wirst nie an seinem Dasein zweifeln. Im übrigen aber, was du auch für eine Überzeugung dir aneignen mögest, denke immer daran, daß die wahrhaften Pflichten der Religion ganz unabhängig von menschlichen Satzungen sind; daß ein rechtschaffenes Herz der wahre Tempel der Gottheit ist; daß in jedem Lande und unter jeder Sekte Gott lieben über alles und seinen Nächsten wie sich selbst als die Summe des Gesetzes erscheint; daß es keine Religion gibt, die von den Pflichten der Moral entbindet; daß dies das wahrhaft Wesentliche in der Religion ist; daß der innere Gottesdienst als die erste dieser Pflichten gilt, und daß es ohne Glauben keine wirkliche Tugend gibt. (Zusammengestellt von Ludwig Marx) Carl Cohen: Können wir die Ideenwelt der Vergangenen verstehen? Der Wunsch, die Gedankengänge der Großen der Vergangenheit zu erkennen, war wohl immer mächtig, seitdem man Geschichte treibt. Man möchte nicht nur wissen, was früher geschehen ist, man will auch in die Gedankengänge der Völker und Personen eindringen, will ihre Empfindungswelt erkennen und begreifen, will wissen, wie sie das gemeint haben, was gesagt worden ist. Die vielen historischen Romane, die nie abreißenden Versuche, die Bibel in ihren Gedankengängen zu erklären, und viele andere ähnliche haben ihre Grundlage in dem Wunsch, Vergangenes zu deuten; wobei dann, bewußt oder unbewußt, versucht wird, das Vergangene mit der Denk- und Gefühlsweise der heutigen Zeit in Einklang zu bringen. Die Frage nach der Möglichkeit dieses Erkennens konnte erst in einer Zeit akut werden, in der der Glaube an die Unveränder- 249