Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Gedanken über Gott
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 248 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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J. J. Rousseau: Gedanken über Gott Ich diene Gott in der Einfalt meines Herzens. Je mehr ich mich anstrenge, sein unendliches Wesen zu durchschauen, desto weniger begreife ich es. Er ist aber, und das ist mir genug. Je weniger ich sein Wesen begreife, desto größer wird meine Anbetung. Ich falle vor ihm in den Staub und sage: Wesen der Wesen, ich bin, weil du bist! Ich hebe mich empor zu meinem Urquell, wenn ich ohne Unterlaß dein gedenke. Gott ist gerecht; ich bin davon überzeugt, diese Eigenschaft ist eine Folge seiner Güte, die Ungerechtigkeit der Menschen ist ihr eignes Werk und nicht das seinige. Die Vorsehung will das Böse nicht, das der Mensch tut, wenn er die ihm gegebene Freiheit mißbraucht. Sie hat ihn frei geschaffen, nicht, damit er das Böse wähle, sondern das Gute. Das Böse, das der Mensch tut, fällt auf ihn zurück, ohne in dem Zusammenhange der Welt etwas zu ändern, ohne das Fortbestehen des Menschengeschlechts, gleichsam auch gegen seinen Willen, zu beeinträchtigen. Wenn ich auch keinen andern Beweis von der Unsterblichkeit der Seele hätte als den Triumph des Bösen und die Unterdrückung des Gerechten in dieser Welt, so würde der allein schon mich abhalten, daran zu zweifeln. Ein so offenbarer Widerspruch, eine so schreiende Dissonanz in der allgemeinen Harmonie würde mich bestimmen, nach der Auflösung zu suchen. Ich würde sagen: es erreicht mit diesem Leben noch nicht alles sein Ende, der Tod stellt nur die Ordnung wieder her. Alle Pflichten des Naturgesetzes, fast vertilgt aus meinem Herzen durch die Ungerechtigkeit der Menschen, kehren dahin zurück im Namen der ewigen Gerechtigkeit, die sie mir auferlegt und die sie mich erfüllen sieht. Nun sehe ich in mir nichts anderes als das Werk und Werkzeug des großen Wesens, welches das Gute will, das Gute tut, welches das Meinige zu dem Seinigen machen wird, durch die Übereinstimmung unseres beiderseitigen Willens und durch den rechten Gebrauch, den ich von meiner Freiheit mache. Ist keine Gottheit vorhanden, so ist der Böse der einzige Vernünftige, der Gute aber nur ein Unsinniger. Hätte man stets nur dem Gehör gegeben, was Gott zu dem Herzen des Menschen spricht, so würde nie mehr als eine Religion auf Erden entstanden sein. 248