Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Alvaro Mendez - Herzog von Mytilene
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 246 (sequence 6)
- Language
- German
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Hermann Sinsheimer nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, zur Regierung) in der Frage der Zulassung marranischer Flüchtlinge eine im Ganzen ablehnende Haltung eingenommen hat. Religiöse Bedenken waren dabei nicht ausschlaggebend. Denn die (von der Staatskirche freilich niedergehaltenen) Puritaner, deren Macht im Volke zusehends stieg, „judaisierten" kaum weniger als die Marranen, d.h. sie bevorzugten in ihrem Glauben und.in ihren Riten die Überlieferungen des Alten Testaments, verabscheuten den Bilderdienst, gaben ihren Kindern alttestamentarische Namen, ja, manche unter ihnen lernten sogar hebräisch. Politisch aber hätten die Marranen und die Juden überhaupt die geborenen Bundesgenossen Englands im Kampf gegen Spanien sein müssen, und insbesondere auch im Kampf gegen die Inquisition, die ja in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts mehr noch als die Marranen die Protestanten verfolgte. Alvaro Mendez nun richtete von Konstantinopel aus sein Interesse auf die englische Politik. Er knüpfte Beziehungen zu Lord Burleigh und Lord Walsingham, den großen Ratgebern der Königin, an und war bald soweit, daß er, fast wie ein Souverän, seine Agenten auch an Elisabeth selbst schicken konnte. Ihm gelang es, ein englisch-türkisches Bündnis gegen Spanien in die Wege zu leiten. Die Königin ehrte seine Verdienste um diese Koalition, indem sie ihm die Würde eines „Knigth" verlieh, so daß aus dem einstigen Ritter von Santiago ein Ritter des britischen Reiches wurde. Die Bemühungen Alvaros, die in das letzte Jahrzehnt des Jahrhunderts und vor die Regierungszeit Elisabeths fielen, hängen — was welthistorisch bemerkenswert und heute wieder besonders aktuell ist — mit den Anfängen der englischen Mittelmeerpolitik zusammen. Sie haben mit dazu beigetragen, den spanischen Einfluß im Mittelmeer zu brechen und die Ausbreitung der englischen Interessensphäre bis nach Vorderasien zu fördern, wohin etwa gleichzeitig auch die englischen Kaufleute ihre Handelsbeziehungen erstreckten. Nach England und unter den Schutz Elisabeths hatte sich gleich nach der Zerstörung der Armada, also 1588, jener portugiesische Kronprätendent Don Antonio, Prior von Crato, begeben, den 1580 Philipp II. vom Thron gestoßen hatte, um Portugal mit Spanien zu vereinigen. Dieser Antonio war königlicher Abkunft, aber der nicht anerkannten Ehe eines portugiesischen Prinzen mit einer Marranin entsprossen. Er war also Halbjude. Das trug ihm natürlich die Sympathien der Marranen ein, obwohl er selbst vom Judentum kaum etwas wußte oder wissen wollte. In seiner Umgebung tauchten mehrere Marranen in London auf, sowohl solche, die mit ihm aus Portugal geflohen waren, wie auch solche, die als „portugiesische Handelsleute" schon lange in 246