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Der Morgen · 1937-09-01 · Heft 6 (September 1937) · p. 241

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 6 (September 1937)
Article
Ein verlorener Bruderstamm?
Date
1937-09-01
Page
241 (sequence 7)
Language
German
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Hermann Sinsheimer: Almro Mendez — Herzog von Mytilene Sind also die Massai ein verlorener Bruderstamm? Je nachdem, wie man das Wort Bruder versteht. Unsere Blutsverwandten sind sie nicht. Der Tropfen semitischen, oder wenn man lieber will, orientalischen Blutes, der in ihren Adern rollt, ist sehr verdünnt. Aber weil die Massai an den einzig-einigen Gott glauben, an den Unvorstellbaren, weil sie den brutalen Lebenswillen primitiver Völker veredelt haben durch das moralische Gesetz, weil sie einen Hauch verspürt haben vom Sturm über dem Sinai, mögen wir sie Brüder nennen. Hermann Sinsheimer: Alvaro Mendez — Herzog von Mytilene Eine historische Miniatur Die Marranen im sechzehnten Jahrhundert Es liest und merkt sich so einfach: Die Juden sind im Jahre 1492 aus Spanien und — durch Edikt vom 5. Dezember 1496 — neun Monate später, also im Oktober 1497, aus Portugal vertrieben worden. Für Spanien stimmen Datum und Tatsache, für Portugal aber stimmt nur das Datum. Tatsache nämlich ist, daß die Juden aus Portugal nicht etwa ausgetrieben, sondern dort einer radikalen Zwangsbekehrung unterworfen worden sind. Den Hafen Lissabon, den der König Manuel zur alleinigen Abfahrt der Juden bestimmt hatte, verließen kaum ein Dutzend Juden; alle übrigen waren durch jede Art von Gewalt zur Taufe gezwungen worden oder aber in den Kerkern und Zwangsherbergen der Taufe durch den Tod entronnen. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen den Marranen Spaniens und denen Portugals. Jene hatten sich taufen lassen, um am Leben und um im Land bleiben zu können. Die portugiesischen Juden dagegen, von denen ein großer Teil 1492 aus Spanien gekommen war, hatten fast ausnahmslos der Taufe widerstrebt und waren ohne oder gegen ihren Willen in den Schoß der Kirche hineingestoßen worden. Es ist klar, daß das Judentum in ihnen ganz anders, mit einer unvergleichlich heftigeren Vehemenz weiterleben mußte und konnte. Sie hatten es ja nie, und erst recht nicht in der Stunde der Gefahr, aufgegeben. Sie stellten daher, vom jüdischen Standpunkt aus, eine religiöse Elite dar. Sie waren, soweit sie aus Spanien eingewandert waren, um des Judentums willen freiwillig Portugiesen geworden, und sie sind unfreiwillig, nämlich unter dem eklatantesten Zwang, Portugiesen geblieben und, dem Zwang zum Trotz, Juden! 241

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