Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Dogmen im Judentum?
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 228 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Alexander Altmann: Dogmen im Judentum? Besitzt das Judentum Dogmen? Die Frage hat zu allen Zeiten, in denen dem Juden seine geistige Welt problematisch geworden war, einen höchst aktuellen Sinn gehabt. Die Frage steht in den mittelalterlichen Diskussionen in dieser systematischen Form erstmalig auf, wird in Mendelssohns „Jerusalem" mit einem klaren Nein beantwortet, erfährt in den mehr historisch angelegten Untersuchungen Leopold Löws eine entschieden bejahende Stellungnahme und ist erst vor wenigen Jahren in einer Diskussion zwischen führenden Gelehrten unserer Zeit unter neue Aspekte gerückt worden. Die Frage ist für unsere jüngste Gegenwart, bewußt oder unbewußt, neu erwacht. Viele suchen einen neuen Zugang in die Glaubenswelt des Judentums. Zu einem sacrificium intellectus ist man nicht entschlossen. Einem Dogma will man sich nicht unterwerfen. Wie steht es aber mit dem Dogma im Judentum? Jeder spürt, daß die Struktur des Judentums elastischer ist als etwa die des Christentums. Man sieht auch ohne weiteres ein, warum dies so ist. Das Christentum als eine tief in der Gnosis wurzelnde Erlösungsreligion ist die Gemeinschaft derer, die das Dogma zusammenbindet. Glaube ist hier Entscheidung für ein Paradoxon: der Gesandte aus der Lichtwelt, um gnostisch zu sprechen, ist in irdischer Verhüllung herabgestiegen. Nur die Seinen erkennen ihn. Dieses Erkennen ist im Grunde der ganze Inhalt des Glaubens. Glauben ist Erkennen, ist Gnosis. Ihr Gehalt expliziert sich im Dogma. Wer das Dogma nicht glaubt, erkennt nicht und gehört nicht zur Gemeinschaft der Kirche. Jude dagegen ist man durch Geburt, dann erst durch persönliche Überzeugung. Ist daher die Bezeichnung „Dogma" überhaupt am Platze? Statt systematisch-theologisch, wie es auch möglich wäre, soll die Frage religionsgeschichtlich betrachtet werden. Die Achse der Problementwicklung ist die berühmte Formulierung der dreizehn „Ikkarim" (Grundlehren, Wurzelsätze) durch Maimonides. Die stilistische Bearbeitung dieser Lehren, wie sie uns aus dem Siddur geläufig ist, setzt an den Anfang einer jeden von ihnen die stereotype Einleitungsformel: ani maamin b'emuna schelema, ich glaube in vollkommenem Glauben. Der Inhalt der Sätze selbst handelt in einem geschlossenen, logisch aufgebauten Systemzusammenhang das ganze Gebiet der jüdischen Glaubenswelt ab. Die philosophische Begriffsprache der Originalstelle (Mischna- 228