Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Die "Stromliniensynagoge"
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 218 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Leitung der World Union muß die jüdischen Inhalte, die gemeinsam zu pflegen sind, mehr in den Mittelpunkt stellen und darf nicht zulassen, daß die Erörterung jener „ersten" Fragen als metaphysisch abgetan werde. Die Amsterdamer Tagung lehrt, daß die Gruppen in den einzelnen Ländern sich besser verstehen lernen müssen. Uns Juden aus Deutschland ist ein solches Kennenlernen schon mit Rücksicht auf die Wanderung besonders wichtig. Gleichzeitig aber kann festgestellt werden, daß die religiös - liberale Bewegung aus Deutschland Menschen hervorgebracht hat, die in allen Teilen der Welt, in Palästina und Australien, in Südamerika und Holland, in Südafrika und USA dem jüdischreligiösen Liberalismus neuen Auftrieb gaben. Wir haben die Synagoge in Amsterdam nicht als „streamlined" in dem Sinne empfunden, daß sie ohne charakteristische Eigenzüge sich der Windrichtung anpaßte, sondern als eine neue lebenswerte Zelle jüdischen Gemeindelebens im Zeichen eines religiösen Judentums, das die Entwicklung bejaht. Wolfgang S. Matzdorff „Das Leben im Ghetto" ist ein historisches Buch von Joachim Prinz (Verlag Erwin Löwe, Berlin). Es schildert jüdisches Schicksal in fünf Städten: Alexandria, Cordova, Amsterdam, Frankfurt am Main und Prag, und zwar jeweils, soweit Quellen zugänglich sind, die Ankunft der Juden, tragische oder heroische Höhepunkte ihrer Ghettogeschichte und endlich ihr Ende im Wirbel von Vertreibungen oder Emanzipation. Das alles ist historisch kein Neuland; einzelne Kapitel, wie das der Maria Nunez oder das der Vertreibung aus Prag, haben sogar schon ihre romanhafte Gestaltung gefunden, bei andern wie Alexandria, Cordova, Uriel Acosta und Spinoza sind die Quellenwerke selbst höchst dramatisch und einigermaßen populär. Trotzdem ist die Darstellung von Prinz neuartig auch in ihrer Spannkraft. Sein Buch ist aus Vorträgen entstanden und hat die Lebendigkeit des gesprochenen Wortes behalten, eine Verve, die so leicht kein anderer aufbringt, Episoden von filmischer Anschaulichkeit und Bemerkungen dazu von verblüffender Gescheitheit. Beispielsweise die Charakterisierung Uriel Acostas ist so treffsicher und neu, wie es Prinz noch keiner vor- oder nachmachen könnte. Nur bei Spinoza wirds einmal trübe: Prinz will, was ihm negativ erscheint, nicht verschweigen; negativ erscheint ihm, daß Spinoza Spinnen und Fliegen einfing, und er ordnet das folgendermaßen in sein Spinoza-Heiligenbild ein: „Das sind so ein paar Seitenblicke. Ein paar Nebengassen. Verirrungen. Aber im übrigen lebt er makellos." Doch über dergleichen liest man hinweg in prachtvolle „Nebengassen", z.B.: „Die jüdische Geschichte bezieht ihre Zahlen weniger aus Geburtsurkunden als aus Todesakten." Oder die Darstellung Alexandrias als einer Stadt von gewissermaßen amerikanischer Unbelastetheit. Kurzum, das Buch hat alle Vorzüge, die man von seinem Titel und seinem Verfasser erwarten konnte. h. 218