Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Ueber die "Kina"
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 205 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Über die „Kina" Hauptbahn jüdischen Lebens. Wie weit das Erlebte Beweis ist und wie stark es eingreift in das Leben jüdischer Menschen, die sich mit dem ihnen im Blute Gegebenen identifizieren, zeigt eine alte Begebenheit, von der Chajjim ibn Musa (etwa 1390—1460) in einem Briefe erzählt: „In meiner Jugendzeit hörte ich einen Prediger, der über die Einzigkeit Gottes predigte, nach Art der Philosophen. Und viele Male sagte er: Wenn Er nicht Einer wäre, müßte dies und dies notwendig daraus folgen. . . Da stand ein Mann auf, einer von denen die 'SEINER Rede entgegenbeben' (Jes. 66, 5) und sprach: Über all das Meine hatte mans verhängt beim Verhängnis von Sevilla (1391), man hatte mich geschlagen, mich verwundet, bis die Schläger von mir ließen, als sie mich tot dachten; all dies habe ich ertragen für den Glauben: 'Höre Jisrael: ER unser Gott ER EINER!' (Deut. 6, 4) — und du da gehst über die Überlieferung unsrer Väter her als spekulierender Philosoph und sagst: 'Wenn Er nicht Einer wäre, dann wäre dies und dies!' Stärker glaube ich der Überlieferung unsrer Väter, und diese Predigt will ich nicht weiter hören. Und er verließ das Bethaus und die Mehrzahl der Gemeinde mit ihm." Der Brief des Chajjim ibn Musa atmet den Geist der Kina, nur ist er deutlicher und herber: kein Gedicht, kein Klagesang! — Das Lied aber ist der beständige Sang vom jüdischen Volke. Es sagt seine Geschichte und die Auffassung der Geschichte, es spricht von der Gewalt des Leidens und von der Antwort, die der Jude gegeben hat. Die Kina. ist ursprünglichster Ausdruck: kein Lachen, keine Freiheit mag sie unterbrechen und ihren eintönigen Rhythmus, der von dem in die Gegenwart hineinragenden und in die Zukunft weisenden Blick vergangener Jahrhunderte spricht. Wird der schmerzhafte Ausdruck des Leides dem jüdischen Antlitz für immer eingegraben sein, soll der Blick der Mater Dolorosa immer der Blick der wahrhaft jüdischen Frau sein? — In Palästina bauen jüdische Menschen ihr Land. „Tätig frei zu leben" ist das Ziel ihrer Arbeit. Sie vereinen sich aufs Neue auf dem Boden, auf dem einst Jisrael erwuchs, und bearbeiten die Erde, um die einst mit aller Macht gekämpft wurde und heute wieder arbeitend gekämpft wird. Neues Leben und neues Denken wächst. Aber auch das Lachen des neuen Juden wird, wenn es auf die Dauer jüdisch sein soll, von der Geschichte der Galut sprechen, sein Jubel — oft so losgelöst und glückhaft-befreit — wird auch Zeugnis sein von der Kina und ihren Hintergründen; für Jahrhunderte. Wie lange? Wir wissen es nicht, und die bange Frage Jesaias bleibt noch unbeantwortet. Vorläufig tönt das Lied der jüdischen Geschichte den Juden, die es hören und aufnehmen als ihr Eigenstes. 205