Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Ueber die "Kina"
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 199 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Über die „Kina" schichte selbst entspringt. Sie blieb aus dem Geschehen aller Zeiten und Räume, in denen Juden lebten, und war, das Gedächtnis dieser Zeiten weitertragend, lebendig in ihm verwurzelt. Tod ist nichts Schreckhaft-Fernes, aber auch nicht ein ersehntes Ziel. Der Jude stürzt sich ihm nicht kühn, mit dem Tode zusammen das Leben verachtend und zugleich fürchtend, entgegen, sondern ehrt ihn, wie er das Leben achtet, das er verantwortungsvoll zu erfüllen hat. Der Tod ist ihm ein Vertrauter, einer, der irgendwann plötzlich und unerwartet auftreten kann, den man lebensbejahend erwartet; aber er ist nicht herbeigewünscht, ist nicht der von der Erde und ihren Kümmernissen befreiende Erlöser. Die Bibel, ureigenstes Werk, dem Grunderlebnis jüdischen Menschentums entsprungen, jener ersten Begegnung mit einem Gegenpart, hat den Charakter der jüdischen Geschichte bestimmt. Wechselvoll war das Schicksal des Talmuds und des ihm verwandten Schrifttums in den verschiedenen Zeiten; er war nicht durchgängig lebendig, und nur wenige konnten ihn voll verstehen. Stets aber, abseits von Gelehrsamkeit und Forschung, war das Klagelied da. Es blieb und wirkte, wo immer Juden sich zusammenfanden. Aus uralter Überlieferung fand es Einlaß in die neuen Formen der Sprache, bildete einen Bestandteil der festgelegten Gebetsordnung, und der Ausdruck der Früheren nahm das Erlebnis der Späteren in sich auf. Das Klagelied, das die Juden mit dem engen Erdenleben verband, die Träne, die sie der Erde wiedergab, führte sie hinaus über Enge und Bedrängnis zu Weiten, die neuen Ausblick, neue Hoffnung und neue Gewißtheit gaben. Die Kina ist sehr alt, so alt fast wie die jüdische Geschichte. An der Stelle, an der wir das erste Mal von ihr hören (2. Sam. 1, 17) geht es um Königstreue — Treue dem Gesalbten Gottes — und um Freundesliebe. David klagt um Schaul und Jonathan: „Weh daß die Helden fielen, das Rüstzeug im Kampfe entschwand." Bald klagt David um Abner, den großen Feldherrn, „den Scharobersten Jisraels" (2. Sam. 3, 33). Aus der Totenklage um einzelne hervorragende Männer, Führer im Volke und Streiter für seine Freiheit „O Bogen Jonathans — . nie wich er rückwärts, o Schwert Schauls — nie kehrte es beuteleer heim" wird die Klage um das ganze Volk. Jecheskel kündigt sie oft an, und schon lange vorher erhebt Arnos seine Stimme zu einer Kina, welche die gefallene Jungfrau Jisrael beklagt, die, auf den Boden geworfen, sich nicht wieder erheben wird. Zum Klagelied soll alles Singen dann werden (Arnos 8, 10), jeder fröhliche 199