Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Die Lage der jüdischen Jugend
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 193 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Lage der jüdischen Jugend pädagogisch betrachtet Der Kulturpolitiker, dem es darauf ankömmt, die jüdische Lehre, den jüdischen Gehalt, die jüdische Tradition fortzusetzen oder zu festigen, hat recht, wenn er an die Jugend seine Forderungen heranträgt, damit sie sie zur Kenntnis nehme, und ihm folgt der Lehrer, der der Jugend das Wissen beibringt, das er oder die Schule oder die Gemeinde oder die Eltern für nötig halten: er hat recht, wenn er fordert, daß der Lehrstoff gelernt wird. Aber unabhängig von allen jenen, die an die Jugend denken, gibt es einen, der sich die Mühe machen muß, die Situation der Jugend zu sehen, so wie sie ist, mit ihren Kräften und Möglichkeiten, ihren Chancen und Behinderungen. Er muß versuchen, den andern zu sagen, was an ihren Forderungen erfüllt werden kann und was nicht, oder vielleicht, wo noch andere, verdeckte Forderungen auftauchen, die auch und sogar vordringlich erfüllt werden müssen. Dieses Amt hat — zuweilen sogar im Gegensatz zum Lehrer — der Pädagoge, ein Amt, das als Beruf unter den Juden in Deutschland verhältnismäßig selten war. Es ist manchmal schwer, auf den Pädagogen zu hören, so wie es schwer ist, sich dem Arzt anzuvertrauen, der einem ein scheinbar unwichtiges, kleines Symptom sehr ernsthaft deutet, der warnt und belehrt, wo wir so gerne auf Belehrungen verzichteten. Aber alle die Eltern und Kulturpolitiker, Lehrer und Gemeindebeamte, denen es wichtig ist, Widerstände nicht zu verdecken, sondern sich ihnen entgegenzustellen, sollten versuchen, bei ihren Entscheidungen über Schicksal und Zukunft unserer Jugend alle pädagogischen Einwendungen, die möglich sind, zu kennen und dann mit aller Kraft zu überwinden. „Meine Kinder sollen Sprachen lernen und viel Praktisches; am besten würde mein Junge Autoschlosser." Wie oft sind solche Sätze in den letzten Jahren wohl gesagt worden, nicht allein zu den Lehrern, auch in den vielen Gesprächen jüdischer Eltern, die miteinander über die Zukunft ihrer Kinder sprachen. Man denkt dabei, daß man durch Sprachen-Lernen und durch Handwerk, am besten noch in Verbindung mit einer kaufmännischen Ausbildung, den Schlüssel schenke, der überall und immer das ersehnte, ferne, unbekannte Leben unserer Jugend in der Zukunft aufschließen könnte. Wenn nur der Eintritt gesichert ist, — bewegen werden sie sich schon können. So verständlich alle diese Gedanken und Wünsche sind, so zeigen sie doch gerade in der Monotonie ihrer Wiederholung, daß es mehr Wunsch- und Sehnsuchtsgebilde als ernsthaft durchdachte Forderungen sind. Man braucht nicht nur an die mancherlei Sprachbegabten zu denken, die in Asylen für Obdachlose geendigt haben, weil es allzuviele gibt, die mehrere Sprachen kennen; man braucht auch nicht daran zu erinnern, daß die Juden im Begriff wären, ein Volk von Autoschlossern zu werden, wenn 193