Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1937)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1937-07-01
- Page
- 179 (sequence 2)
- Language
- German
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heute übliche Zeitrechnung in zwei Teile sich scheidet. Es sind nicht die schlechtesten Juden, die mit dem Christus-Problem gerungen haben. Friede!!, im katholischen Österreich protestantisch erzogen und daher von der Gemütsphäre her in seiner Denkrichtung mitbestimmt, gehört nicht zu jenen jüdischen Geistern, die in das Wort Konstantin Brunners „Wir wollen ihn zurück!" einstimmen. Er geht in der Abtrennung des Neuen Testaments vom Alten konsequent auf Marcions Wege und behauptet wie dieser, der Gott der Juden sei ein anderer als der, als dessen Sohn sich Jesus von Nazareth bekannte. Friedell gibt den Juden recht, den Galiläer als ihren Messias abzulehnen, aber der verständnisvollen Hinnahme dieser Position stehen eine Reihe von Mißverständnissen der Religion seiner Väter gegenüber, die sich da und dort sogar zu krassen Unfreundlichkeiten steigern. Aber so wenig kritische Sauberkeit es zuläßt, dies zu verschweigen, so wenig dürfen wir den Verfasser als „Verräter" schmähen, weil er lauteren Herzens und überzeugten Kopfes eine andere Stellung zu den Evangelien gewinnt, als sie der jüdischen Tradition entspricht. Dabei findet Friedell über den Geist der jüdischen Prophetie schöne, verständnisvolle Worte, die ererbtes Einfühlungsvermögen verraten, und es ist als ein Bruch in seinem Denksystem zu bezeichnen, daß er vor der Einsicht versagt, wieviel jüdisches Gut in die von ihm geliebte Ethik des Christentums — gerade von den Propheten her — eingegangen ist. Unsere gesteigerte Empfindlichkeit sowie der gegebene jüdische Standort haben uns verführt, den Judaica in unserer Besprechung einen Raum zu gewähren, der im Mißverhältnis zu dem Umfang steht, den Judäa in der antiken Welt und dementsprechend im Rahmen von Friedens „Kulturgeschichte des Altertums" einnimmt. Dennoch ist das nicht ganz unberechtigt. Friedell hat um der religiösen Leistung willen, die die Juden allein von allen Völkern der Antike den Untergang ihres Staates überdauern ließ, ihnen nicht nur ein Kapitel Judäa, sondern einen wesentlichen Teil der Einleitung eingeräumt. Als Juden können wir uns mit seiner aufregenden religionsphilosophischen Spekulation, die den Gott der Bibel bestenfalls zum stellvertretenden Schöpfergott macht und ihm die Rolle Arimans neben einem neutestamentlichen Ormuzd zumutet, natürlich nicht anfreunden. Aber in der Entwicklungsgeschichte der Bibelkritik ist Friedell durchaus anregend, wenn er z. B. einen Widerspruch darin entdeckt, daß in der Erzählung von Adam und Eva Geschlechtlichkeit als Sünde betrachtet ist, während die jüdischen Propheten und Patriarchen die Fruchtbarkeit des Menschen als höchstes Gut preisen. Er weist in diesem Zusammenhang auf eine sehr alte babylonische Abbildung hin, die rechts und links von einem Baum einen Mann und eine 'Frau und dahinter eine Schlange zeige. Und wenn wir bedenken, daß wir damit nicht nur in die Entstehungsschicht dieses biblischen Mythos geführt werden, sondern daß die christliche Lehre gerade diesen „Fremdkörper" im Gefüge des AI- 179