Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1937)
- Article
- Zur jüdisch-religiösen Gegenwartssituation
- Date
- 1937-06-01
- Page
- 104 (sequence 7)
- Language
- German
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Joachim Prinz Geschichte als an sich gerichtet vernimmt. Sie stellt den J u - den in eine heilige Geschichte hinein, die mit Abraham beginnt und an der er nun auch bewußtseinsmäßig Anteil bekommt. Den Dingen der Welt gegenüber aber erhält der unter Gottes Wort gestellte Mensch seine Freiheit wieder. Er wird sie nicht gering achten, aber auch nicht mehr so wichtig nehmen wie bisher. Er weiß wohl, daß in dieser Welt Menschen Pläne machen und um der Erhaltung des Lebens willen geplant werden muß, daß die Pläne aber nur gelingen, wenn es Gottes Plan und Wille ist. Von diesem Plan haben wir nur den Anfang und das Ende offenbart bekommen: daß es Gottes Schöpferwille war, daß das Seiende sei, und daß Gottes Verheißung lautet, daß die sich selber überlassene Schöpfung aus ihrer Korrumpiertheit dereinst erlöst werden soll. Das in seiner Zeitlänge unbekannte Zwischenstück nennen wir die Weltgeschichte, durch die wir uns als Volk Israel einen Weg bahnen. Die Weisung, die wir für diesen Weg mitbekommen haben, daß wir nicht in dem Gestrüpp am Wegesrande hängen bleiben und die rechte Orientierung halten, ist die Tora. Und unser ganzes Unglück meint das alte Wort: „Als es Zeit war, für Gott zu wirken, da zerstörten sie Deine Tora." — Und wiederum ergeht die Stimme: „Verlasset meine Tora nicht!" Joachim Prinz: Amerika — hast Da es besser? Notizen von einer Reise Die Reise nach Amerika — das ist eine jüdische Angelegenheit, sozusagen ein Unternehmen, das in die Literatur eingegangen ist. Seit den Pogromzeiten der achtziger Jahre rückte Amerika ganz nahe in das Blick- und Sehnsuchtsfeld der Juden. Die Reise nach Amerika — das war die große Rettung. Die amerikanische Hilfsexpedition war ins Städtchen gekommen, hatte gemustert, gesondert, gewählt, bestimmt, — und dann ging es mit vielen Packen „weit übers Meer". Überall, in den wehmütigen Gedichten aus Bronx und Eastend, die in der neuen jiddisch-amerikanischen Literatur bald vom neuen Elend der kleinen Schneider erzählten, im Witz, im Lied, überall spielte Amerika eine Rolle. Es verdrängte keineswegs Zion und die Zionssehnsucht; das stand auf einem anderen Gefühlsblatt. Amerika war die Pforte zum Glück, Zion schien die Pforte zur Seligkeit. Zion war auch näher. Amerika war furchtbar weit, ja geradezu das Symbol der Weite und der ungeheuren Entferntheit. Ein Jude schlägt sterbend noch einmal die Augen auf, und wie er da die Schar vont weinenden Menschen sieht, wird er ärgerlich und schreit sie an: „Was weint ihr, Juden, ich fahr doch nicht nach Amerika!?" 104