Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1937)
- Article
- Zur jüdisch-religiösen Gegenwartssituation
- Date
- 1937-06-01
- Page
- 103 (sequence 6)
- Language
- German
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Zur jüdisch-religiösen Gegenwartssituation einmal religiöse Erfahrungen gemacht, dann ist ihm ohne weiteres War, daß der Mann sein Alltagsleben weiterführen wird wie bisher, aber in den Momenten seines Lebens, wo eine wirkliche sittliche Wertentscheidung an ihn herantritt, sich grundlegend anders verhalten wird wie bisher. Denn die Glaubenserfahrung, die er machte, wirkt unsichtbar fort und formt die innere Substanz des Menschen um. Aus der modernen Welt herauslösen kann auch die religiöse Erschütterung den Menschen nicht, denn sie ist das ihm aufgelegte Schicksal. Die moderne Welt, d.h. das durchtechnisierte Zivilisationsgefüge, in dem wir heute leben, läßt sich als Ganzes weder verchristlichen noch verjuden. An sich ist diese Welt im religiösen Sinne wertneutral, d.h. als Menschengemächte kann sie sich weder unter Gottes Willen beugen noch willentlich gegen ihn Stellung nehmen. In dieser restlos profanen Ding- und Sachwelt unserer Tage ist im Unterschied zur vergangenen Welt des christlichen Mittelalters bzw. des jüdischen Ghettos, die als Welt durch die Institutionen sakral imprägnierbar war, zum einzigen Anknüpfungspunkt für Gott und Götter das menschliche Herz geworden. Die Götter oder Götzen freilich stehen näher, weil sie von jeher den menschlichen Herzenswünschen entgegenkommen, ja recht verstanden überhaupt nur symbolische Objektivationen dieser Herzenswünsche sind. Mit andern Worten: die Situation des goldenen Kalbs (auch der Baalskult, auch der Astartedienst!) ist eine ewige Situation; aber kein Moses steht heute auf, der das goldene Kalb verbrennte. Aber was damals geschehen ist, Gottes Verzeihung des Abfalls, die Ausräumung des Götzendienstes aus den Herzen der Israeliten und der erneute Appell der Gottesforderung an Ohr und Herz, das reicht gleichfalls über die Zeit hinweg und ist auch an unser Ohr und Herz gerichtet. Wenn wir die alten Schriften lesen, werden wir es vielleicht nicht mehr hören, d.h. das Bezeugte und Gemeinte nicht verstehen, aber wenn eine Situation des Lebens uns in unserer Sicherheit erschüttert und an unsere Grenze führt, an der wir einen Appell an uns vernehmen, dann werden wir ihn als Appell Gottes an den Menschen jeder Zeit im Gesetz der Tora wiederfinden. Über eine solche Situation an der Grenze geht der Weg des heutigen Menschen zum Glauben und zur Gottesfurcht. Aber die Erschütterung der Grenzsituation genügt nicht, die Rückverbindung zu Gott wiederherzustellen. Auch ganz anderes kann in ihr geschehen, da zweckrationale Sicherungen und Vorbeugungsmaßnahmen gegen künftige Katastrophen viel näherliegende Reaktionen sind. Und dennoch kann es in dieser Situation — und nur in ihr — geschehen, daß der also erschütterte Mensch die Weisung, die Gott ein für allemal gegeben, durch das Wort der 103