Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1937)
- Article
- Zur jüdisch-religiösen Gegenwartssituation
- Date
- 1937-06-01
- Page
- 101 (sequence 4)
- Language
- German
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Zur jüdisch-religiösen Gegenwartssituation menschliche Person, ihre Entscheidungsfreiheit und sittliche Wertträgerschaft zufolge der Aufsaugung durch die modernen Kollektivismen zerstört und die Wahrheit durch Verabsolutierung irdischer Positionen zunehmend politisiert werde. Das alles aber führt zu einer Außerkraftsetzung aller traditionellen Werte und Vorstellungen. Die sich allenthalben anbietenden neuen Gläubigkeiten leben von ihrer Selbstidentifikation mit der Wahrheit und der Verklärung ihrer eigenen Substanz. Jede Analyse der spezifisch „modernen" Glaubensvorstellungen innerhalb und außerhalb des Judentums wird auf deren prinzipiellen Immanenzcharakter stoßen, daß das Glaubensobjekt in der — sublimstenfalls unendlichen — Selbstverlängerung des Menschen oder der menschlichen Gemeinschaft liegt und substanziell nicht vom glaubenden Subjekt unterschieden ist. Das Herz wird an ein ideelles Gut gehängt, ein Ziel oder eine Gestalt, die den Wünschen des Menschen entspricht, d.h. in einem Akt der Selbstentsprechung überhaupt erst gefunden wird. Wirklicher Glaube aber im Sinne der Offenbarungsreligionen erweist sich demgegenüber als wesensmäßig heteronom gerade darin, daß das im Glauben Geforderte konträr zu den menschlichen "Wünschen und Selbstentsprechungen steht. Und es scheint nun für die Analyse der religiösen Bewußtseinslage der entscheidende Sachverhalt zu sein, daß die Spannkraft der menschlichen Seele diese Unbedingtheit konkreter göttlicher Forderung nicht mehr tragen kann. Ihr Beiseiteschieben aber führt über eine anfängliche Leugnung in kurzer Frist zum Vergessen der eigentlich religiösen Existenzialsituationen von Schuld und Erlösung. Das Urwissen des Menschen um seine Gespaltenheit kann zwar nicht gänzlich aufgehoben, aber es kann — sogar auf Lebenszeit — überdeckt werden. Und der mit sich selbst einige, nur sich selbst gehörige und verantwortliche Mensch errichtet dann seine Wunsch- und Zielvorstellungen als Absolutwerte, an die er sein Herz hängt. Das aber ist der Moment der Entstehung des Götzendienstes in der menschlichen Seele, der als solcher eine ewige Verhaltensmöglichkeit des Menschen ist. Zwar können die Götzenbilder nicht erlösen, aber Erlösung ist ja gerade das, was der moderne Mensch am allerwenigsten für nötig hält. Über alles andere wurde er sich mit den Wortführern der Religionsgemeinschaften noch allenfalls verständigen können, z. B. über die Anerkennung ethischer Forderungen oder die Respektierung kultischer Symbole. Nur die zentrale, alles andere erst-fundamentierende Beziehung, daß der Mensch als ein sündigendes Geschöpf Erlösung nötig habe, die er sich selbst nicht schaffen kann, das ist das einzige, worüber er mit sich nicht reden läßt. Denn das würde ja gerade heißen, daß er den Glauben an sich selber, daß er nur sich gehörig und verantwortlich sei, fallen lassen müßte, daß er den Herrschaftsanspruch eines 101