Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1937)
- Article
- Zur jüdisch-religiösen Gegenwartssituation
- Date
- 1937-06-01
- Page
- 99 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895570-2907246--09802-2907283- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hans Joachim Schoeps: Zur jüdisch-religiösen Gegenwartssituation und Erklärungsmotiv gestanden: es geschieht um unserer Sünden willen. Wenn man eines heute schon feststellen kann, dann doch wohl nur, daß unter diesem vom jüdischen Geschichtsbewußtsein her legitimierten Motiv die Auswanderung aus Deutschland seit 1933 nur bei den wenigsten gestanden hat. Vor 1933 war dieses jüdische Selbst- und Weltverständnis — nota bene verständlicherweise — bei fast niemandem vorhanden; auch die Orthodoxie hat dieses Wissen nur als fromme Reminiszenz im Traditionsschrifttum „gelernt", war darin aber gleichfalls „fortschrittsgläubig", daß sie sich nicht getroffen fühlte. Seit 1933 wissen es immerhin einige wenige, und zwar — lebensmäßig. Wie sehen nun die „normalen" Reaktionen der Judenschaft von heute aus? Den individuellen Sicherungsversuchen entsprechen die kollektiven. Erklärungs- und Lösungsbestrebungen. Die zwei Hauptrichtungen sind bekannt und vor aller Augen. Die einen sind der Meinung, daß die Einordnung der jüdischen Stammesangehörigen in außereuropäische Nationen vorgenommen und der Einordnungsprozeß, durch die bisherigen Erfahrungen geläutert, von neuem begonnen werden müsse, wobei man nun quantitative Zusammenballungen innerhalb eines Siedlungsraumes zu vermeiden strebt. Dies ist im wesentlichen das Motiv der Überseesiedlung, dessen Vertreter die Entstehung des Antisemitismus hauptsächlich durch sozialökonomische Spannungen bedingt sehen und darum gleich im Ansatz der Planung nach Möglichkeit vermeiden möchten. Die andern hingegen halten die Sozialfaktoren für keinen hinreichenden Erklärungsgrund der Judennot und der antisemitischen Bewegungen, sondern glauben an eine primär politische Bedingtheit, die im Nationalitätenkampf der modernen Geschichte und in der totalitären Gestaltung des nationalistischen Willens ihren Ausdruck finde. Sie argumentieren infolgedessen so, daß das jüdische Volk nur dann krisenfest werden könne, wenn es sich entsprechend national organisiere. Diese Überlegung steht im wesentlichen hinter der Palästinasiedlung, die der ursprünglich zionistischen Zielrichtung gemäß heute immer stärker aus dem nationalhumanen Stadium der mehr liberal gestimmten älteren Generation in die Entwicklungsstufe eines kompromißabgeneigten, bewußt politischen Macht- und Selbstbehauptungswillens tritt. Diese beiden Richtungen zur Überwindung der mittel- und osteuropäischen Judennot schließen sich zwar in ihren Zielvorstellungen bis zu einem gewissen Grade aus; auf dem Gebiet der rationalen Planung hingegen, die im Vordergrund der Tagespraxis steht, arbeiten Zionisten und Nichtzionisten jenseits theoretischer Spannungen sachlich zusammen. Zur eigentlichen religiösen Fragestellung aber verhalten sich beide Antwortversuche der jüdischen Gegenwartssituation neu- 99