Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1937)
- Article
- Der Nahe Osten
- Date
- 1937-06-01
- Page
- 97 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895570-2907245--09799-2907281- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Nahe Osten wollen, daß sie an dem Schicksal ihrer Volksgenossen innerhalb Palästinas kein Interesse nehmen dürften. Das Interesse besteht, ist so legitim wie jedes andere und kann durch rhetorische Wunschkonstruktionen nicht wegdisputiert werden. Und warum auch? Eine Verständigung mit den Arabern Palästinas scheint, wenn überhaupt, noch am ehesten auf dem Weg über die Einschaltung selbständiger arabischer Staaten möglich zu sein. Deren Lage zwischen den Mächten wird so sein, daß sie eines Tages erleichtert aufatmen müssen, einen vermeintlichen Feind im Innern als Bundesgenossen zu erkennen. Daß das jüdische Palästina eine Tatsache ist, mit der man rechnen muß, beginnt man in der arabischen Welt einzusehen. Wenn den Arabern nun zudem die Furcht genommen wird, daß eben dieses jüdische Palästina der Verbindung ihrer Länder zu einer wirksamen Föderation entgegensteht, könnten sie eines Tages geneigt sein, den elementaren Drang der Juden nach Palästina ihrerseits anzuerkennen. Dann allein besteht Aussicht auf räumliche und personelle Autonomie. Erschöpft man sich dagegen in fortgesetzter Ablehnung, so wird man den Gefahren des Teilungsplans nicht begegnen, und es kann leicht geschehen, daß man zwar seinen Standpunkt wahrt, aber an allen Gelegenheiten vorbeiprotestiert. Das Schicksal der im Jahr 1935 geführten Oppositionskampagne gegen den Vorschlag des Legislative Council sollte zur Lehre gedient haben. Es muß vermieden werden, daß 1937 der gleiche Fehler wiederholt wird. Warum das Odium des Neinsagens auf sich nehmen, wenn mit einem „Ja-aber" gewiß der gleiche, wahrscheinlich aber ein besserer Erfolg erzielt wird? Das alte Israel ist allmählich aus verschiedenen Bruchstücken zusammengewachsen; auch das neue wird nicht das Werk einer einzigen Generation sein. Die Situation verlangt nicht ein betontes Ja oder Nein zu Vorschlägen, welche im unruhig sich umbildenden Nahen Osten von heute notwendigerweise den Charakter einer Übergangslösung an sich tragen müssen. Vielmehr ist jene Elastizität erforderlich, die, ohne grundsätzliche Positionen aufzugeben, in die Linie des geringsten Widerstands einschwenkt und nichts verbaut für eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu gelegener Zeit. Das Ganze ist eine Nervenprobe: wer sie besteht, der wird auch den Tag erleben, an dem die Gegenseite mit ihm am runden Tisch sitzt. Werner Cahnmann 97