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Der Morgen · 1937-05-01 · Heft 2 (Mai 1937) · p. 85

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 2 (Mai 1937)
Article
Statistik des Betens
Date
1937-05-01
Page
85 (sequence 1)
Language
German
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Statistik des Betens Es ist gar nicht auszudenken, was alles man statistisch erfassen kann. Da kommt nun aus Warschau eine Statistik „regelmäßiger Beter". Und zwar aus den Kreisen der jüdischen Arbeiterjugend. Ob es wohl an irgendeiner Stelle weltliche Zweifel gegeben hat, durch die man sich zu solcher Erhebung veranlaßt sah? Oder hat diese Bestandsaufnahme der Frömmigkeit politische Gründe? Sie werden jedenfalls nicht weiter genannt. Aber die Statistik liegt vor. Mit ganz genauen Zahlen, auf Prozente .gebracht. Man erfährt, daß, entgegen der allgemeinen Annahme, die Frömmigkeit weniger in den kleinen als in den großen Städten zuhause ist: 71<y0 gegenüber 83% bei Jugendlichen bis zu 14 Jahren! Um die Zwanzig herum nimmt das Beten ab, über Dreißig steigt die Kurve dann wieder an. Doch man hat nicht nur nach dem Alter der Beter gefragt, sondern auch nach den verschiedenen Berufszweigen. Wobei sich denn herausstellte, daß man am frömmsten ist in der Holzbranche, am wenigstens bei den Druckern und Setzern; zwischenein ordnet sich die Kleiderindustrie, das Nahrungsmittel- und Baugewerbe, dann Handelsangestellte, Textil- und Metallarbeiter. Ober die chassidische und bürgerliche Jugend sagen die Erhebungen nichts; da wird viel mehr gebetet. Andererseits wieder war die Umfrage in dem konservativen Galizien veranstaltet. Immerhin zeige das Ergebnis, so liest man, daß von einem Schwinden der religiösen Haltung in den breiten Massen Polens nicht die Rede sein könne. Soweit die Meldung aus Warschau. Prozentsätze sind genau. Und die Achtung vor Zahlen kann es doch nicht verhindern, daß einem Zweifel aufsteigen. Man begreift zwar, daß das Beten, von dem hier die Rede ist, sich nicht auf die Erschütterung des ganzen Menschen bezieht, die uns zum Beten treibt. Die Arbeiteri die so unbefangen einem Fragebogen Geständnisse über ihr Beten anvertrauen, sagen die vorgeschriebenen Gebete in der vorgeschriebenen Weise her, sonst nichts. Dabei werden sie — es ist ja Erziehung und Gewohnheit im Spiel — manchmal an etwas anderes (oder auch an garnichts) denken, und doch oft mit ganzem Herzen bei der Sache sein. Wer aber wollte die kleinen Seufzer aus hartem Tag und schwerer Last statistisch aufnehmen, wer den raschen Sehnsuchtsblick dorthin, wo der Glaube ewig Erlösung sucht? Wo sind die, denen im Anblick ihrer Kinder Tränen der Dankbarkeit in die Augen steigen, verschämt mit dem Ärmel zur Seite gewischt? Nein, so eine Statistik gibt es doch nicht. Übrigens: die geringste Religiosität hat sich auf diesen Fragebogen bei der weiblichen Arbeiterjugend gezeigt. Nur 5o/0 haben Herz und Seele registrieren lassen. Sollten sie dafür mehr mit dem Herzen beten? Auch daß gerade die Holzarbeiter am meisten und die Drucker und Setzer am wenigsten beten, gibt zu denken. Besteht vielleicht zwischen den Holzarbeitern und der Natur, aus der ihr Material kommt, noch 85

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