Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Entwicklungslinien des Nationalismus
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 65 (sequence 7)
- Language
- German
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Entwicklungslinien des Nationalismus keinem Zweifel", so schreibt Wilsons Staatssekretär Robert Lansing, „daß Wilson selbst durch seine Handlungen den Beweis erbracht hat, daß die Selbstbestimmung eine ,bloße Phrase' ist". Und Lansing fügt bezeichnenderweise hinzu: Man sollte die These vom Selbstbestimmungsrecht „als gänzlich abwegig beiseite schieben, weil sie praktisch nicht anwendbar ist". So hat auch nach dem Kriege die Nationsidee gegenüber dem Staatsgedanken das Spiel verloren. Immerhin glaubten die Westmächte 1919, ihr eine Konzession doch nicht versagen zu können. Die Volksgruppen nämlich, die, wie z. B. die Ostjuden, bei der neuen Grenzziehung in fremden Staaten verbleiben mußten, oder die, wie die Deutschen, entgegen dem Prinzip der Selbstbestimmung teilweise vom Mutterland losgerissen wurden, sollten das Recht auf eigennationale Entwicklung inmitten einer andersnationalen Umwelt erhalten. Anders ausgedrückt: konnten oder wollten die Alliierten schon nicht den Satz: „jede Nation ein Staat" restlos verwirklichen, so wollten sie wenigstens verhindern, daß man den entnationalisierenden Satz „jeder Staat eine "Nation" zur Anwendung bringe. Aber auch diese recht magere Konzession an den nationalen Gedanken erschien den osteuropäischen Staaten, die den fremden Volksgruppen ein völkisches Eigenleben gewährleisten sollten, als zu weitgehend. Vor allem Polen, das selbst eben erst, dank der These vom Selbstbestimmungsrecht, die Unabhängigkeit erworben hatte, stellte den Staatsgedanken vor die Nationsidee. Paderewski, der polnische Vertreter, berief sich vor der Friedenskonferenz auf die Souveränität seines Staates und erklärte, der künftige nationalpolitische Kurs Polens sei eine rein „innere Angelegenheit". Obwohl dieser Einwand schließlich nicht durchdrang, illustriert er schlagend die 1919 herrschende Gesamteinstellung: er zeigt, daß der nationale Gedanke wie im 19. Jahrhundert so auch bei Kriegsende weitgehend von der Staatsidee überschattet wurde. Die folgenden Jahre haben diesen Kampf zweier Prinzipien nicht beendet. Die Spannungen, die daraus resultieren, haben sich sogar in vielen Teilen des Kontinents verstärkt. Die Entwicklung ist weiter im Fluß. Auch außerhalb Europas beginnt der nationale Gedanke seine Kräfte zu entfalten. Namentlich im vorderen Orient gewinnen die nationalen Spannungen ständig' an Intensität. Doch ist hier der Nationalismus zunächst in der ersten Entwicklungsphase: in der Phase der Staatenbildung. Dabei stoßen vor allem zwei junge nationale Bewegungen, die jüdische und die arabische, im gleichen Raum hart aufeinander. Wie sich all diese Kräfte entfalten werden, ist noch nicht abzusehen. Sicher erscheint nur, daß der nationale Gedanke der Staatsidee das Feld nicht kampflos räumen wird. öS