Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Vollendete Tatsachen
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Vollendete Tatsachen trotzdem tut er sich selbst unrecht, wenn er sich allzu entschieden in die Front der Alltagsarbeit einreiht Schon 1929 auf dem Kongreß in Zürich, wo er über „Palästinas Bedeutung für die Zukunft des Judentums" spricht, und später noch oft, als er in die erste Reihe derer tritt, die an einer neuen Zukunft für Juden aus Deutschland arbeiten, erheben sich seine Betrachtungen zu großartig umfassender Schau. Da ist er nicht nur der solide Sachkenner und verläßliche wissenschaftliche Soziologe, der Mann der klugen Überblicke und der unerbittlichen Folgerungen, sondern da brennt in seiner Rede mit einemmal ein Feuer auf, das er sonst sorgsam vor der Menge verbarg; schwere Sorge erfüllt ihn und flammende Begeisterung, — und Kwuzot, Orangenkulturen und. Kolonisationsfonds sind plötzlich nur noch als kleine tragende Steine fest eingefügt in eine gewaltige Vision vom Bau der jüdischen Zukunft. Das ist das Einzigartige an Artur Ruppins Persönlichkeit und Werk, daß Allgemeines und Einzelnes in ihm seinen Platz haben. Keines steht hinter dem andern zurück, jedem dient er mit gleichem Einsatz und gleichem Können. Nur so, mit dieser doppelten Hingabe, konnte wohl geschaffen werden, was als Wirklichkeit in seinen gesammelten Reden und Schriften sich spiegelt. Er steht so fest auf dem Boden der Tatsachen, daß er sich nicht in nebelhafte Träume über die zahlenmäßige Bedeutung Palästinas verliert. Er weiß, daß selbst wenn das noch ferne Ziel erreicht wäre, eine Million Juden dort zu vereinigen, „noch immer fünfundneunzig Prozent in den Ländern der Galut verbleiben". Diese realpolitische Einsicht schützt ihn vor parteipolitischer Verengung und sichert ihm den Blick auf die Größe der Palästina und die Diaspora in sich begreifenden jüdischen Aufgabe. Daß gerade im gegenwärtigen Augenblick dieser „Leitfaden des Palästinaaufbaus", wie man das Buch Ruppins scherzhaft nennen könnte, der Öffentlichkeit übergeben wird, ist ein Trost und eine Gewißheit. Wir lesen darin, wie viele unendlich schwierige Phasen schon überwunden worden sind, wenn Tüchtigkeit und Aufbauwillen die Wege wiesen. Wir erleben über Einschnitte und Rückschläge hinweg einen stetigen Aufstieg. Und wir wissen zum Schluß, daß an vollendeten Tatsachen nicht zu rütteln ist. E. R.-J. 52