Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Untermieter
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 41 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Untermieter Als mich meine Eltern als sehr jungen und unerfahrenen Studenten in eine kleine westdeutsche Universitätsstadt schickten, steckten meine Füße in einem Paar funkelnagelneuer Schuhe. Diese waren schuld daran, daß ich, als ich gar nicht mehr weiter konnte, einfach das nächstbeste Zimmer nahm, in es sozusagen und mit ihm nicht nur sozusagen hereinfiel. Das Zimmer war so klein, daß ich mir mein Abendessen nur auf der Fensterbank bereiten konnte. Wenn der Wind den Vorhang zur Seite wehte, sahen die Kollegen verwundert zu, wie ich mir mit Essig und öl meinen abendlichen Salat bereitete. Trotzdem: statt mich beim Anblick meiner giftgrünen Wände zu ärgern, machte ich mir bei den nächtlichen Spaziergängen das Vergnügen, Studenten„buden" zu entdecken. Ihr Kennzeichen: ein einfenstriges Zimmer, erhellt durch eine rotglühende Birne über einem kleinen Papierschirm — erhellt ist eigentlich schon zuviel gesagt. Damals gewann ich den Eindruck, daß Untermieter eine besondere Sorte von Menschen sind. Er kam mir später in der großen Stadt zugute. Dort ist alles aufs beste vorgesehen. In der Gemeindeverwaltung werden an großen Flächen, nach Stadtteilen geordnet, freie Zimmer bekannt gegeben. Ein fett gedruckter Anschlag springt in die Augen: „ZIMMER¬ VERMIETER! Das Angebot der Zimmer übersteigt dauernd die Nachfrage. Es liegt daher in Ihrem Interesse, den Wohnungsuchenden soweit als möglich entgegenzukommen.' Das klingt vertrauenerweckend, und die Schatten meiner trüben Erfahrungen weichen dem Scheinwerf erlicht großstädtischer Organisation. Beim Studium der eigentlichen Angebote erweist sich das regelmäßige Studium der Heiratsanzeigen in den jüdischen Zeitungen als fördernd, denn „ev." heißt auch hier niemals „evangelisch", sondern „eventuell" (Einheirat bzw. Küchenbenutzung!). Ich schreibe mir eine Reihe passend erscheinender Zimmer heraus und suche die Inhaberinnen auf. Die Dame, die ich zuerst aufsuche, versichert mir, daß sie nicht jeden erstbesten nehme, daß dies ein vornehmes Haus und daß man bei ihr gut aufgehoben sei. Bis allerdings die Voraussetzungen dafür erfüllt sind, daß auch ich bei ihr gut aufgehoben sei, ist der Preis um 10 Mark geklettert. Im übrigen ist das Zimmer nur durch ein anderes zu erreichen und so groß und kalt, daß ich die Kosten einer Rheuma-Kur in den Zimmerpreis gleich einkalkulieren müßte. Bei der nächsten Adresse fehlt die Angabe des Stockwerks. Ich klettere 5 Stock hoch, bis ich den Namen entdecke. Der Hausherr selbst öffnet Das Zimmer ist zwar schön, aber der Hausherr mir zu nachgiebig: ich könne das Zimmer allein oder zu zweit bewohnen, man werde heizen, zwei Tassen Kaffee mehr brühen, ich bekäme selbstverständlich die Schlüssel zum Fahrstuhl. Wegen seines Warenlagers könne er nur ehrliche Menschen wie mich beherbergen — die Augen sind halt doch der Spiegel der Seele! „Ich komme wie- 41