Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Eine Reise nach Jerusalem [Rezension]
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 574 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Unbefangenheit und Bescheidenheit; so gibt er zu, daß er nicht griechisch kann, und wenn er Baalbek besucht, gesteht er, auch noch nicht einmal den Namen der hellenistischen Trümmergroßstadt gehört zu haben. Aber er liest, etwas zu zitatenfroh, unablässig während der Reise, vergegenwärtigt sich auf das genaueste die Fahrten des Apostels Paulus und zankt sich beständig mit Plato, der in seinem „Staat" auch die gefährliche Idee einer Diktatur hinterlassen habe. Diktatoren denken immer an ihre eigene Göttlichkeit, und der erste und einzige, der im Menschlichen groß wirkte, sei Moses gewesen. Lassen wir Ervine seine Liebhabereien und Abschweifungen, die manchmal in weitem Bogen um das Thema herumgehen. (Die Neigung dazu stammt wahrscheinlich aus seiner theaterkritischen Tätigkeit.) Wenn er, übrigens ohne romantisch zu erschrecken, feststellt, daß jetzt ein Riesenauto die Wüste von Damaskus nach Bagdad durchquert, so hängt er eine Statistik über die Todesfälle an, die das Auto in England jährlich verschuldet. Aber er ist trotzdem für die Zivilisation, wenigstens für diejenige, die zur Humanität führt. Die arabische Welt lernt der Reisende zuerst in Syrien kennen; er beobachtet mit seinen klaren Augen und auch mit der Nase: „Ein schmutzigeres Dorf habe ich nie gesehen. Und es stank zum Himmel." Die Kinder leiden fast alle zum Erschrecken und zum Erbarmen an der bekannten Augenkrankheit. Augenkliniken sollten ihren Erzeugern das dringendste nationale Unternehmen sein. Aber so eine Mutter braucht ein krankes, wimmerndes Kind als Kapital, um Bakschisch daraus zu schlagen. St. John Ervine hat nichts gegeben; er ist human, aber nicht sentimental. Für die romantische und ihm darum sympathische Vorstellung des Engländers von dem edlen Araber, von dem ritterlichen Sohn der Wüste macht er besonders den Obersten Lawrence verantwortlich, dem er auch einmal bei dem alten Dichter Thomas Hardy begegnet ist. Ein einfacher „Korporal Shaw" stieg da von seinem Motorrad ab, aber nach strenger Verabredung durfte keiner von den Gästen eine Andeutung machen, daß der gewöhnliche Soldat einmal der Oberst Lawrence und der Leiter des ,Aufstands in der Wüste" gewesen war. Was war das für ein Mysterium? Oder war es umgekehrter Snobismus? Die Araber haben sich nicht befreit, meint Ervine, sondern sie sind von den Engländern befreit worden. Wenn sie die türkische Herrschaft dafür verantwortlich machen, daß Palästina verkam, so sollten sie jetzt zeigen, was sie können, und das Arbeiten bei den Juden lernen. Die Juden sind auch wieder Bauern geworden, wie sie es in biblischen Zeiten waren, und sie hörten auf, es zu sein nicht anders als die Iren, die sich nicht zu ihrem Vergnügen von der Scholle lösten, um nach New York oder Chicago zu gehen. Der eifrige Leser Ervine lernt bei Josephus und auch bei Joseph Klausner, daß das Land vor zweitausend Jahren zwei- oder dreimal mehr Menschen als heute ernährt hat, bei primitiver Landwirtschaft. Dem Beobachter hat es das Emek besonders angetan, der Zau- 574