Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Gehen und Kommen
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 573 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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- IRI
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Schiff bedecken, die erstaunt mit dem Fernglas — wie klein ist die Entfernung gegen die gewohnte weite Wasserfläche! — den Abholenden findet, anstrahlt und ihm zuwinkt. Auch Erwartungen können gelernt und gewohnt werden! Die den Küsten und Meeren vertrauten Völker „können" sie mit gehaltenem Lächeln; selbst das unbekannte Enkelkind, das den Großeltern noch vor der Landung hochgehalten und gezeigt wird, kann mit ruhiger Freude erwartet werden, ohne Fußgetrippel und nervöses Fingergetrommel auf dem absperrenden Geländer. Anders der Binnenländer. Wie langsam, wie kriechend geht ihm alles! Wie unbegreiflich, daß der winzige Zwischenraum, der jetzt noch Schiff und Landungsplatz trennt, nicht längst von einem überquerenden Brückchen überspannt wird. Springend könnte raan's schon schaffen! Ja, wohl ist's interessant, die Schiffsgäste drüben auf Deck zu beobachten und herauszusuchen, was ihre Mienen von dem fremden Erdteil verraten. Aber fremde Menschen sind's wie die neben dir, gleichgültig besonders wegen ihrer weltmännischen Ruhe, maskenhaft verhüllt. S o weit ist es also gar nicht, wenn ihr so dasteht, als kämt ihr gerade mit der Fähre von der andern Hafenseite! Nein, so weit ist es nicht, sagt nun auch das herüberfliegende Seil und die Brücke, die angelegt wird; so weit ist es nicht, und es hat auch gar nicht so lange gedauert, sagen Füße, Hände und Bück, die nun da sind, von drüben, nahe und greifbar — gar nicht lange ist es, seit ich abfuhr, seit ich fort war, schau, der scharfe, schwarze Kiel hat die Meilen und Fernen geschluckt, im Schiffsbauch liegen sie, aufgerollt und zurückgelegt, bis er umdreht, der Schiffsbauch, um sie von neuem auszubreiten, abzurollen- Alles ist wiederholbar; auch die Meilen und Fernen, auch das Gehen und Kommen. ... HildeCohn Eine Reise nach Jerusalem Das Tagebuch einer kaum mehr als Vierwochenreise, das St. John Ervine bei Hamish Hamilton in London herausgibt, hat in der englisch-amerikanischen Welt einiges Aufsehen gemacht. Der Reisende ist Theaterkritiker am Observer und neuerdings auch Verfasser eines Lustspiels. Früher hätte er wahrscheinlich das innere Afrika oder die äußere Mongolei durchstreifen müssen, um sich den Respekt des Lesers schon durch die Weite des Unternehmens zu sichern. Heute tut es eine Rundfahrt um das weinfarbene Meer, das schließlich schon für Homer keine Geheimnisse mehr hatte. Mittelmeerreisen waren bis vor kurzem noch ein beschauliches Genießen mit Komfort und Bildung. Der Himmel ist blau, die See meistens ruhig, und wo man aussteigt, ist's interessant, sei es in Neapel, am Parthenon oder an den Pyramiden. Das Mittelmeer hat sich nun gründlich politisiert, und die Orientalische Frage, wie man früher sagte, ist uns erheblich auf den Leib gerückt, nicht zuletzt uns Juden. John Ervine ist ein angenehmer Reisebegleiter schon durch seine 573