Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Gehen und Kommen
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 572 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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häufiger und wesentlicher hinein. Im Zusammenhang der großen Verschiebungen stehen diese Bilder als Zeugen und Schnittpunkte unsrer Wege. Die vielen zugigen Bahnsteige und die geräuschvollen Hafenplätze schlucken all die „großen Momente", denen undeutliche Laute und gepreßte Redefetzen ihr charakteristisches Merkmal geben. Sensationen gibt es da keine, kaum noch Überraschungen. Die energiegeladenen Lokomotiven mit ihren langgestreckten Eisenleibern, die Ozeandampfer und mächtigen Schwängen der Flugzeuge sind uns als Hilfsmittel beim Überqueren der Raumspannen durch Erfahrung, Bilder und Berichte zugänglicher, gewohnter und banaler geworden. Mit einem Südamerikadampfer zu reisen ist für einen Sechzehnjährigen kein unerreichbarer Traum mehr: durch den Ernst des Schicksals ist das der notwendige Anfang eines durchaus nicht märchenhaften Lebens, und Abfahrt und Reise sind selbst zu einer Nüchternheit geworden. Die deutsch beschriebene Fahrkarte ist das letzte Stück quittierter Sicherheit, und zugleich das erste billet doux oder besser billet d'esperance an die neue Heimat Aber auch dies ohne Sentimentalität, ein konkretes Ins-Auge-fassen der Zukunft, ein Anrufen neuer Symbole, neuer Herdgötter und Schutzpatrone. Die Häufigkeit und Vielstimmigkeit dieser Rufe rücken jene bisher exotischen und unnahbaren Klänge und Namen in die Reichweite täglicher und allgemeiner Vorstellungen. Und die werbende, gewissermaßen segelblähende Klangfarbe dieser Rufe, mit und in denen die unsichtbaren, aber selbstverständlich scheinenden Brücken zu den fernen Ländern geschlagen werden, — Haifa ist das nächste Drüben und Bagdad ist nur ein Stückchen weiter —, die offensichtlich herzhafte Unbefangenheit, mit der Begrüßungs- und Alltagsformeln schon und noch hier in dem alten Gehege geübt und gebräuchlich werden, — all das trägt dazu bei, die illusionsreiche und phantastisch verschwommene Ferne zu vertauschen gegen ein deutliches Bild, damit Wege zu verkürzen, Entfernungen mindestens scheinbar näherzurücken. „Warst du schon drüben", heißt in den gleichsam leichtfüßigen Gesprächen, oder „wann gehst du 'rüber?" oder „in 5 Wochen hoffen wir alle drüben zu sein" . . so klingt es und baut sich die Brücke. Wir kennen aber auch schon das Wiedersehen, das vom neuen Zuhause oder vom Besuch zurückkommende, anlegende Schiff! Seht, wie es gemächlich die Flußwasser durchschneidet, wie es auf der letzten, langsam zurückgelegten Strecke die große Spanne jetzt erst schrumpfen läßt, den Faden einholt, aufwickelt und sich kurz an die Leine nimmt. An den Luken scheinen noch Nebelfetzen zu hängen, und die mit zahllosen Augen eingesammelten Bilder der Ferne und der Fahrten scheinen dem schlichten Riesenkörper ein Weltgesicht gegeben zu haben, das er jetzt gerade bei der Landung vor sich her zu halten scheint... Und das ist eine andere Erwartung als die ausfahrende: eine, die sich gegenseitig ins Auge sieht, die den Ankommenden heraussucht unter den dunklen Pünktchen, die das 572