Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Zeitnotizen
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeilnoiizen mit Spannung erwartet worden. Die Haltung der polnischen Staatsführung in der Judenfrage ist in den beiden Jahren seit dem Tode des Staatsgründers Pilsudski, unter dem Eindruck der zunehmenden wirtschaftlichen Not und unter dem wachsenden Druck des radikalen rechten Flügels, durchaus schwankend gewesen. Den vorsichtigen Formulierungen, deren sich die meisten Führer des Regierungsblocks in ihren öffentlichen Reden befleißigten, standen Taten von der gleichen Vorsicht gegenüber, wo es um die Abwehr judenfeindlicher Angriffe oder die Zurückweisung einschneidender antijüdischer Maßnahmen ging. Die Klarheit, die die jüdischen Hörer von der Rundfunkrede Kocs erwartete, hat sie nicht gebracht. Sie hinterläßt den Eindruck, als wolle man der antisemitischen Radikalisierung in weiten Teilen des polnischen Volkes die Zügel schießen lassen, um der nationaldemokratischen Opposition damit den Wind aus den Segeln zu nehmen. Zwar hat sich Oberst Koc sehr entschieden gegen jede antisemitische Gewalttat gewandt, aber er hat doch gleichzeitig das Streben des nationalen Polentums nach kultureller und wirtschaftlicher „Selbständigkeit" gutgeheißen. Das gleiche Zwar—Aber, das die polnische Judenpolitik bisher bestimmte, durchzieht die Erklärungen Kocs. So hat seine Rundfunkrede wohl eine aktuelle Spannung gelöst, aber das polnische Judenproblem weiterhin in der Schwebe gelassen. Die drängenden Fragen um die Zukunft der Judenheit in Polen bestehen fort, und nur die Tatsache, daß ein radikales Herumwerfen des Regierungskurses in Richtung gegen die Juden, das manche befürchtet hatten, nicht oder noch nicht erfolgt ist, darf positiv gewertet werden. Die Erfolge der polnischen Regierung in der Frage einer jüdischen Massenauswanderung waren bisher sehr schwach, und man geht vielleicht nicht fehl in der Annahme, daß die innerpolnischen Judendebatten die Tore der verschlossenen Welt noch etwas fester verrammelt haben. Die polnische Regierung, die es duldet, daß man in ihrem Land den Juden die Fähigkeiten zu aufbauender Arbeit abspricht, hat schließlich erfahren müssen, daß das Ausland (wie die Einwanderungsgesetze einiger Länder, die gegen das Ostjudenrum gerichtet sind, zeigen) sich diese Argumente zunutze macht. Oberst Koc war deshalb gut beraten, als er sich von der Terminologie und Sprechweise seiner national-demokratischen Gegner bewußt fernhielt. Man darf annehmen, daß gerade seine zurückhaltenden Formulierungen der Bereinigung der Judenfrage innerhalb und außerhalb des Landes einen besseren Dienst erweisen. 532