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Der Morgen · 1937-02-01 · Heft 11 (Februar 1937) · p. 518

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 11 (Februar 1937)
Article
Presseschau: Europäisches Denken [Rezension]
Date
1937-02-01
Page
518 (sequence 1)
Language
German
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Presseschau: Europäisches Denken Die intellektuelle Position des heutigen Europa sucht Max B e n s e in einem Aufsatz „Neue Strömungen in der französischen Philosophie" (Europäische Revue, 13. Jahrg., Nr. 1) auf ihre Ursprünge hin zu überprüfen. „Die gegenwärtige Situation des abendländischen Philosophierens", stellt er fest, „wird deutlich durch Nietzsche und Kierkegaard bestimmt. Ihrer kritischen und umwertenden Arbeit verdankt die Philosophie die Rückbesinnung auf 'das philosophierende Subjekt'. Verdichtet sich in Kant der ungeheure Problemkreis der Frage, wie Erkenntnis möglich sei, so werden die Werke der Nietzsche und Kierkegaard zum Sammelbecken und Quellpunkt der Frage, wie der Erkennende möglich sei. Dabei ist indes zu beachten, daß das moderne Nachdenken über die 'menschliche Existenz', zu deren Wesensbestimmung ihr 'Sein in der Erkenntnis* gehört, in der sogenannten Existentialphilosophie und Existentialtheologie den gegenwärtig stärksten Niederschlag findet und es noch keineswegs deutlich ist, in welcher Weise nun eigentlich Nietzsche und Kierkegaard das existentielle Philosophieren entwickelten." „PhilosoplTiegeschichtlich", fährt Bense fort, „steht zunächst nur fest, daß beide die Frage, das Problem gewinnen: Wie ist ein erkennendes Wesen möglich — oder ist es unmöglich? In jedem Falle ist das Ergebnis im Gegensatz zu Kants Vernunftkritik ein Philosophieren, dessen Thema als 'Kritik der Existenz' bestimmt werden kann und der es darum geht, den eigentümlichen Realismus der unmittelbaren menschlichen Existenz aufzuweisen. In diese 'Kritik der Existenz' gehört nun das 'Sichaussetzen gegenüber dem Nihilismus* (Jaspers), was sowohl für den Dänen als auch für den Deutschen kennzeichnend ist, genau so wie ihre Kritik an den zeitgeschichtlichen Phänomenen von Religion, Kirche, Moral, Geist, Erkenntnis, Wissenschaft und Kunst. Die jKritik der Existenz' soll bei beiden ein neues 'Selbstverständnis' ermöglichen, denn nur auf einem solchen ist ein weiteres 'Seinsverständnis' begründbar. Und dieser fundamentale Gedanke läßt sich vor allem bei Kierkegaard in dieser Terminologie aufweisen, obwohl er erst von Heidegger mehr oder weniger systematisch behandelt wird. Während nun aber Kierkegaard die Existenz vor Gott stellt und vor Gott bestimmt, läßt Nietzsche die Existenz auf sich selbst gestellt sein, diesseitig verharren. Zuletzt also ist es zu beachten, daß bei Nietzsche und Kierkegaard zwei Formen der Existentialphilosophie entspringen: eine religiöse bei dem Dänen und eine lebensphilosophische bei dem Deutschen. Im gegenwärtigen deutschen Denken gründet die Existenzphilosophie der Heidegger und Jaspers gleichzeitig in Nietzsche und in Kierkegaard. Die Lebensphilosophie Klages' hingegen glaubt die Konsequenzen aus der Existenzkritik Nietzsches in der richtigen Weise gezogen zu haben. Allein ihr Irrtum gegenüber Nietzsche besteht darin, daß sie den eigentümlichen Realismus menschlicher Existenz über- 518

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