Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Pathos und Sympathie [Rezension]
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 515 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Pathos und Sympathie sie schonend als Ekstatiker. Und damit waren sie für ihn „erklärt". Vorsichtigere Köpfe, die sich an Realitäten weniger gern die Zunge verbrennen, ließen sich die dichterische Inspiration einfallen und: heureka, Jesaja war ein Dichter, etwas ähnliches wie Goethe, von dem man nicht weiß, woher er „es" hat. Daß das tertium comparationis das Auchnichtwissen ist, bleibt ein Witz, spielte aber keine Rolle, kurzum, die Wissenschaft kam mit den Propheten nicht zu Rande, und ihre Erklärer kamen nur darin überein, daß es so, wie es dasteht, nicht sein könne: weil nicht sein kann, was nicht sein darf, und weil nicht sein darf, was über diesen und jenen Verstand geht. Nun kommt Heschel und beweist Punkt um Punkt, exakt, logisch, fleißig, mit dem ganzen schweren Anmerkungsapparat der Wissenschaft, daß und wo diese Theorien Löcher haben, und nun liegt diese ganze Bibliothek von Erklärungen des prophetischen Aktes vor uns wie ein Sieb, und wem es behagt, der mag weiter Wasser durchschütten. Aber wie ist die prophetische Eingebung wirklich? Es ist ganz klar, daß Heschel nicht verraten kann, was zu wissen uns nicht gegeben ist, daß er nicht mehr verraten kann, als was in der Bibel steht. Das ist auch nicht seine Aufgabe. Er hat nur zu sagen, was bei höchster Gehirnanstrengung und vollkommener, exakter Kenntnis und Überprüfung aller greifbaren Erkenntnisse des Gegenstands unter Voraussetzung des Objekts eben als Objekt festzustellen ist, und er hat es für unsere Köpfe verständlich, den Wissenschaftlern von heute einleuchtend, also in der dem Theologen und Philosophen glaubhaften Terminologie zu formulieren. Und das macht er, das macht er ganz vortrefflich und in aller eisernen Sachlichkeit, mit solcher Konsequenz und soviel fortschreitendem Elan, daß die vorhandene Terminologie bald ebenso unzureichend wird wie die vorhandenen Gedanken, worauf er fest, unbeirrt und richtig neue Termini einsetzt, bis das ganze neue Wort- und Begriffshaus hoch und klar, rund und fertig dasteht. Um also seine Erkenntnisse der prophetischen Eingebung oder nur das Positive davon zusammenzufassen: Der Prophet behauptet in der Vision sein geistiges Ich, sein volles Bewußtsein, obwohl der Vorgang ihm aufgezwungen ist. Gott ist die „Hauptperson" dabei, Gott ist das Subjekt, er wird vom Propheten in seiner, Gottes, Gerichtetheit auf ihn. den Propheten erlebt. Der Eingebungsakt ist für den, für diesen Propheten bestimmt. Er selbst ist nur Objekt, selbstlos dabei, nämlich ohne Absicht. Der Inhalt von Gottes Mitteilungen ist sachlich, nur der sachliche Inhalt des Aktes für den Propheten wesentlich, und fast nur dieser Inhalt ist mitzuteilen. Die Inspiration ist nicht Zustands-, sondern Inhalts-Erlebnis. Sie ist Bewußtseins-Eingebung. Der Inhalt wird klar, bestimmt, eindeutig aufgenommen. Er hat Zusammenhang, Logik, umfassenden Sinn. Der Eingebungstotalität entspricht die Ereigniskontinuitäl. Das Subjekt Gott, Ereignis und Inhalt des Aktes werden als greifbare Realität erlebt. Zwischen Gott und Prophet fand ein Dialog statt. Sinn und Zweck des dialogischen Vorgangs sind auf das Leben, auf das Volk bezogen. Der Prophet erlebt diese transzendente Aktion gleichsam als „Ekstase Gottes"'. Das sind die hauptsächlichsten, positiven Feststellungen, die sich für Heschel aus den bisherigen Erklärungen des Prophetenwesens oder vielmehr neben ihnen und aus der Kritik an ihnen, aus ihrem Vergleich mit dem Prophetenwesen ergeben, wie es in der Bibel steht. 515