Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Bebele
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 500 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Perez Hirschbein: B ßb ßlß Aas dem Jiddischen ubertragen von Leo Hirsch Vorbemerkung Perez Hirschbein isl unser Musterbeispiel gegen jüdische Minderwertigkeitsgefühle und Selbstbezichtigungen. Die Juden haben kein Verhältnis zur Natur? Fragt die Bauern in Hirschbeins ..Grüne Felder". Die Juden haben nur Gehirn? Aber dies ganze kleine Drama ..Bebele" ist nichts als Herz, pochendes, zitterndes., jauchzendes, schluchzendes, jüdisches Herz. Es ist ein Volkslied in Prosa, dessen ganze Musik nur Herzklopfen ist. Es ist keine Kunstprosa; kein Wort ist liierarisch gedrechselt, kein Satz formuliert. Es ist kein Naturalismus; der Verfasser hat sich beileibe nicht herabgelassen, dem und jenem etwas vom Volksmund abzulesen. Hier ist alles wie zu Hause, jedes Wort ist zu Hause, wie Spatz und Lerche im Lied zu Hause sind. Es kommt hier nur auf den Inhalt an. Der Inhalt ist ein ausgelassenes, verhätscheltes, liebesseliges Bebele, um das die Ellern zittern. Hier gibts nur ein bißchen Mutterliebe, keine Probleme, nur ein bißchen Zärtlichkeit, keine Tragödie. Drama? Konflikt? Helden? Keine Spur, aber Menschen von Fleisch und Blut. Nur weil nichts an ihnen Papier ist. entspricht das Stück keiner Dramalurgenregel. Die beste Art, in der Gesellschaft zu debütieren, isl ein Duell; Bebeles Mutter tritt keifend auf. Ihr Mann, der Lehrer ist, wolle dem kleinen Jenkele wohl die ganze Lehre auf einmal in den Kopf trichtern. Das Kind solle lieber spielen. Sie keift also gegen den Mann, für das Kind. .Und da das Kind lieber lernen will, ist sie sofort gewandelt. Die Mutter wird zur jüdischen Mutter. Jüdischkeit, Lernen geht vor. Die Männer, die Knaben, der Bräutigam, alle müssen für die Jüdischkeit leben. Aber Bebele ist ein Mädchen, und die Jüdischkeit der Mädchen ist Zärtlichkeit, Liebe, Vor-Liebe. Und die Jüdischkeit der Multer ist das Kind, das Letzte, das Einzige, das Bebele. Die Jüdischkeil des Vaters ist Lehren, die des Bräutigams Lernen. Aber Bebeles Zärtlichkeit ist stärker als die Jüdischkeit der Männer. Es ist nicht ganz recht so, aber ihnen ist es ganz lieb, so ist es lieb. Die Jüdischkeit von Mutter und Tochter tyrannisiert die Jüdischkeit von Mann und Bräutigam. Der Bräutigam ist zärtlich, auch wenn er es noch nicht zeigt. Der Vater nimmt der Multer die Hälfte der Fasttage für Bebele ab. Die Männer verlassen das Gebet für Bebele. Aber beides ist Jüdischkeit, und es gibt keinen Konflikt zwischen der Frauenwelt und der Männerwelt. Darin besteht die Jüdischkeit des Dichters, daß ihm beide Welten jüdisch, natürlich sind, darin seine Dramatik, daß er keinen Konflikt aufkommen läßt, darin seine Kunst, daß er einen zwischenmenschlichen Idealsland als selbstverständlich gegeben zeigt, darin sein Dichtertum, daß er dem Multerspiel nichts hinzufügt als die karge, derbe, zärtliche Muttersprache. L. H. 500