Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Hebräische Wissenschaft [Rezension]
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 477 (sequence 1)
- Language
- German
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Hebräische Wissenschaft Die Gesichte Schealtiels des Gefangenen Eines der schönsten Denkmäler altjüdischer Apokalyptik, jenes Visionen-Schrifttums, dessen bekannteste kanonische Beispiele das Daniel-Buch der Bibel und die Offenbarung Johannis im Neuen Testamente darstellen, ist der sogenannte Vierte Esra, der nur in Übertragungen aus zweiter Hand erhalten ist — nicht nur das hebräische Original, auch die zu vermutende griechische Übersetzung sind verloren. Seiner Aufschrift nach stammt er aus dem babylonischen Exil, der herrschenden Lehrmeinung zufolge aber wurde er erst nach dem Ende des zweiten Tempels verfaßt. Armand K a m i n k a, hebräischer Dichter und Forscher auf den Gebieten des biblischen und unmittelbar nachbiblischen Schrifttums, legt jetzt die erste hebräische Übersetzung, eigentlich Rückübersetzung des Buches vor, mit dem Anspruch, ein verschüttetes Stück des biblischen Schrifttums wieder entdeckt und hergestellt zu haben. Die Möglichkeit, daß mit dem biblischen Stil, den diese Übertragung verwenden darf, auch der Wortlaut des untergegangenen Urtexts in seiner echten Gestalt wieder beschworen sei, ist freilich gering, doch kann ein solcher Versuch im Resultat der Quelle verwandter sein, als es sogar die noch aus dem Altertum stammenden nichthebräischen Fassungen sind, in denen allein sie uns überkommen ist. Kaminka legt besonderen Wert auf die Feststellung, daß der Name Esra im Eingangssatz der Apokalypse auf einem Mißverständnis beruhe, daß vielmehr der darin ebenfalls genannte Davidide Schealtiel, Sohn des verbannten Königs Jechonja und Vater des Serubabel, als Verfasser gedacht gewesen sei. Darüber hinaus behauptet er die tatsächliche Verfasserschaft Schealtiels, dessen Werk damit zwischen Ezechiel und Daniel, „als letztes Stück der altisraelitischen Prophetie", zu lokalisieren sei — eine These, zu deren Beantwortung (und Widerlegung) man den gesamten Problemkreis der exilischen und nachexilischen jüdischen Literatur von neuem aufrollen müßte. Die Übersetzung als solche, die ja unabhängig von den gelehrten Aufstellungen des Verfassers bestehen bleibt, ist sprachlich sehr gelungen. Eine neue Koran-Übertragung Der Koran hat sich dem nichtmohammedanischen Leser, wenn er sich an einem Werk der Weltliteratur zu erfreuen hoffte, von jeher entzogen. Das „deutliche Buch" erschien ihm unklar und verwirrt, und erst jenes Vorzeichen, daß hier der Prophet spreche und nicht der Poet, gewährte einen Schlüssel zum Verständnis. Denn der Prophet — „irgendeine Lehre will er verkünden und, wie um eine Standarte, durch sie und um sie die Völker versammeln; hierzu bedarf es nur, daß die Welt glaube; er muß also eintönig werden und bleiben" (Goethe). In einer Übersetzung fällt zudem der besondere Reiz der Form weg, einer spezifischen Mischung von Prosa und Vers, die nur Rückert wagen 477