Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- Ländlicher Notstand
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 447 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erich Rosenthai: Ländlicher Notstand Bei der Darstellung der sozialen Lage der Judenheit in Deutschland stößt man immer wieder auf die Schwierigkeit, daß man bei ihr als einer Gruppe von vorwiegend „selbständigen Gewerbetreibenden" die Höhe des den Lebensformen und den Ansprüchen an das Leben zugrunde liegenden Einkommens nicht genau feststellen kann, während etwa das „Fixum" der Angestellten und Beamten aus der gedruckten Tarifliste zu ersehen ist So gab die diesjährige Organisierung der Jüdischen Winterhilfe dem Verfasser Gelegenheit, seine Beobachtungen über das Leben der Juden auf dem flachen Lande in diesem wichtigen Punkte zu ergänzen. In ihrem Verlaufe wurden wenigstens einmal die Vermögensverhältnisse der Bedürftigen aufgrund der von ihnen auszufüllenden Unterstützungsanträge durchsichtig. Der Kreis, um den es sich im Folgenden handelt, liegt in einem Gebiet, das durch eine glückliche Mischung von Landwirtschaft und Industrie gekennzeichnet ist, mit einer Kreisstadt an der Spitze, die wegen ihrer Industrie überlokale Bedeutung besitzt. Im Kreis (ohne die Kreisstadt) haben wir von insgesamt siebzig — in elf Dörfern und zwei Landstädtchen verteilten — Haushaltungen mit zweihundert Personen in 23 Haushaltungen mit 68 Personen Unterstützungsanträge entgegengenommen. In der Kreisstadt selbst, von der erst am Schlüsse dieser Untersuchung ausführlich die Rede sein wird, werden von insgesamt 31 Haushaltungen mit 73 Personen 9 Haushaltungen mit 16 Personen unterstützt. Die Hälfte der städtischen und ein Drittel der ländlichen Antragsteller sind alte alleinstehende berufslose Frauen. Das zweite Drittel der ländlichen Antragsteller sind Männer, die so gut wie nicht erwerbstätig sind. Eine Auswertung der Altersangaben hat ergeben, daß die letzten statistischen Ergebnisse über den Altersaufbau der deutschen Judenheit schon in einem solch kleinen Kreise der Antragsteller bestätigt werden. 14 von den 23 Antragstellern sind Hausbesitzer, bei über der Hälfte der Häuser liegt der Einheitswert zwischen 1500 und 3000 RM., bei einigen zwischen 4000 und 7000, und bei einem einzigen, allerdings sehr verschuldeten, bei 11 000 RM. Unter den 14 Hausbesitzern sind zwei berufslose alleinstehende Frauen, die vermutlich ihre Häuser schuldenfrei geerbt und gehalten haben. Eine davon hat ihr Haus dem Wohlfahrtsamt verschrieben, das ihr eine monatliche Rente zahlt. Von den zwölf ehemaligen oder gegenwärtigen gewerbetreibenden Hausbesitzern hat nur einer keine Hypothek aufgenommen, für die übrigen elf aber ist in der Hauptsache die Aufnahme fremden Geldes, das sie 447