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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 431

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Ein Urkundenwerk zur mittelalterlichen Geschichte der Juden [Rezension]
Date
1936-12-01
Page
431 (sequence 2)
Language
German
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Judenheit. Lange war der Blick gebannt von der glänzenden Reihe der Gelehrten, Philosophen. Dichter, Mathematiker und Astronomen, die sich aus der islamischen Zeit in die christliche fortsetzte. Bald standen Staatsmänner, Hofleute oder Leibärzte im Vordergrunde, bald Großrabbiner und Talmudautoritäten. Was wollte das Schicksal einiger Günstlinge, wie Don Zag des Maleha oder Josef Picho besagen, was der Abfall vornehmer Familien während der Verfolgungszeiten, die Massenbekehrungen bis zur Auflösung ganzer Gemeinden: der tragische Ausgang schien trotz allem nicht denkbar. Ganz andere Dinge erfahren wir aus der überwiegenden Zahl der Baerschen Urkunden. Hier redet der Alltag, der Durchschnitt der jüdischen, die Gesinnung der christlichen Bevölkerung. Die Juden Spaniens waren hineingestellt in die Reconquista, die einem großen Kreuzzuge glich, und zugleich in die staatlichen Einheitsbestrebungen, die ihre Parteinahme herausforderten. Sie assimilierten sich dem spanischen Volkscharakter überraschend schnell, bedienten sich sehr früh der spanischen Sprache (ein Santob de Carrion dichtete um 1350 bereits spanisch); die Statuten ihrer Aljamas (d. i. Gemeinden, vom arabischen djemia) waren spanisch (oft in hebräischen Charakteren) abgefaßt. Wir begegnen ihnen bis zuletzt in der Landwirtschaft, dem Weinbau und Grundbesitz; sie sind im Geld- und Warenhandel tätig, betreiben alle erdenklichen Handwerke, leben in äußerst ungleichen Vermögensverhältnissen. Bekannt, aber durch die Fülle der Zeugnisse überraschend bestätigt ist die weitgehende Autonomie der Gemeinden, die durch staatliche Gewalt nur wenig eingeschränkt war. Bei den Gemeinden lag die Veranlagung zu sämtlichen Steuern und Umlagen, das Recht der Pfändung, Versteigerung, Schuldhaft; eigene Notariate für Personenstand, Ehe- und Erbschaftssachen, vom weiten Gebiete des Ritus und Kultus ganz zu schweigen. Zur Zivilverwaltung gesellte sich Aburteilung und Vollstreckung von Strafen in Kriminalfällen, der Bann mit seinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen, aber auch Strafe an Leib und Leben, einschließlich der Todesstrafe. Bedenkliches Licht auf den Gemeinschaftsgeist wirft der Wettlauf um Privilegien zum Schaden der Gesamtheit. Neid und Mißgunst verfolgt Höhergestellte, ihr hitziges Temperament neigt zu Gewalttätigkeiten. Das Betrüblichste ist das häufige Auftreten des Denunzianten, dessen hebräischer Name „maisin" sogar in die spanische Gesetzgebung eingedrungen ist. Deutlich treten aber auch die Lichtseiten des jüdischen Lebens hervor: Freigebigkeit, der man herrliche Synagogen, Lehrhäuser und Stiftungen verdankt; Mildtätigkeit und nachgehende Fürsorge bis zur Auslösung von Gefangenen in Hafenstädten; Reinhaltung des Familienlebens, unterstützt durch die kühne Behauptung, daß spanische Juden insgesamt ,königlichen Geblütes* seien. Wie schwer es war, sie in Juderias zu bannen, die oft Kastellen glichen, oder ihnen „signa" aufzuheften und ihre Menschenwürde anderweitig anzugrei- 431

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