Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Das Philo-Zitatenlexikon [Rezension]
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 426 (sequence 1)
- Language
- German
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Das Philo-Zitatenlexikon „Worte von Juden — Worte für Juden" verspricht dieses Nachschlagebuch auf dem Titel. Diese Zweiteilung hat ihren guten Grund. Als Georg Büchmann seine „Geflügelten Worte" herausgab, traf er damit auf ein tiefes Bedürfnis der damaligen bildungshungrigen Zeit, die eigene Meinung im geistreich zugespitzten Wort eines andern auszudrücken und — zu wissen, wem man diese Wendung verdanke. Was Gustav Freytag an seinem Schmock verspottete, daß er nur die „Brillanten" stehen lasse, das war hier ins Positive übertragen: jeder konnte sich aus dieser Brillantenkette mit soviel Steinen behängen, wie er's lustig war. Das brachte den Publikumserfolg des Werkes; die Wissenschaft fand eine interessante Statistik darin, aus welchen Quellen eigentlich das durchschnittliche Bildungsgut der Zeit sich speise. Als nun die neueste Auflage des „Büchmann" die Zitate jüdischer Herkunft nicht mehr brachte, lag ein begreiflicher Anlaß vor, sie nicht untergehen zu lassen. Doch Eugen Tannenbaum (nach dessen frühem Tode Ernst Fraenkel die Arbeit zum Abschluß gebracht hat) wollte keine Sammlung zu apologetischem Zweck veranstalten, er wollte ein Werk eigenen jüdischen Sinnes bieten. So haben die beiden Herausgeber den „Geflügelten Worten", die in den Sprachgebrauch eingegangen sind, eine Sammlung jüdischer Aussprüche hinzugefügt, die durch Sinn und Form von dauerndem Wert bleiben. Was an Wortgut jüdischer Prägung in die Tagessprache übergegangen ist, kommt aus zwei zeitlich sehr verschiedenen Quellen: es ist einmal das körnige und bildgesättigte Bibeldeutsch Luthers, und es sind Wendungen jüdischer Dichter und Schriftsteller seit der Emanzipation, Verszeilen von Heine, Bonmots der verschiedensten Herkunft. Auf die Bibel gehen so schöne Worte zurück wie „Herzenseinfalt", „ein Kind des Todes", „eherne Stirn", „Mohrenwäsche" (— der „Große Unbekannte", S.40, steht nicht in der Bibel, sondern ist eine moderne Bezeichnung für Deuterojesaja, ohne daß dieser deshalb mit dem Helden einer Serie von Detektivromanen sonst etwas zu tun hätte). Die modernen Zitate sind Prägungen wie „Kathedersozialisten", Amerika als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten", „Geistesaristokratie", doch auch „Wissenschaft des Judentums", „Jom Kippur-Juden", „Altneuland". Dazu treten nun von den Apokryphen an, über Philo, Flavius Josephus, den Talmud, Maimonides, Spinoza bis zur unmittelbarsten Gegenwart längere und kürzere Zitate von oft großer Schönheit und Tiefe; nur haben sie nicht den glatten Schliff, der sich erst bei langem Gebrauch von Mund zu Mund ergibt. „Der Geist des Judentums ist Konformität in Handlungen und Freiheit in Absicht auf Lehrmeinungen": dies Wort von Mendelssohn ist überaus treffend, doch ein Wort mit Flügeln an der Schulter ist es nicht, es hat wissenschaftliche Bleisohlen unter den Füßen. „Wenn Palästina durch Beredsamkeit zu gewinnen wäre, so hätten wir nicht nur Palästina, son- 426