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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 423

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Presseschau: Religiöse Besinnung / F. F.
Date
1936-12-01
Page
423 (sequence 1)
Language
German
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Presseschau: Religiöse Besinnung Die Persönlichkeit Franz Rosenzweigs, in der eine neue Religiosität zum Durchbruch kam, ist dazu angetan, auf analoge Vorgänge in der Gegenwart hinzuweisen. In einem Aufsatz „Post Christum" (Eckart, 12. Jahrg., Nr. 11) lehnt Ricarda Huch eine übertrieben asketischweltfeindliche Interpretation des Christentums entschieden ab. „Durchaus nicht alles Gute und Natürliche, was die Erde trägt, ist", so sagt die Dichterin, „Welt im religiösen Sinne. Die Pharisäer warfen es Jesus und seinen Jüngern vor, daß sie keine Asketen waren; wir finden Christus immer besorgt, daß es denen, die ihm nachfolgten, um seine Predigt zu hören, nicht an Nahrung gebreche; er nahm keinen Anstand, eine Hochzeit mitzufeiern und, da es an Wein mangelte, Wasser in Wein zu verwandeln. Das Leben ist dem Christen nicht der Tod — es sei denn das rein weltliche Leben —, sondern der Tod ist ihm Leben. Die Kirche war also durchaus im Recht, wenn sie ein Sichdrängen zum Martyrium verbot. Der Christ sollte den Tod annehmen, wenn er über ihn verhängt wurde, nicht ihn suchen; sondern leben, um die Welt zu bekämpfen. Ebenso war sie im Recht, wenn sie diejenigen Sekten ablehnte, die nur Heilige unter sich dulden wollten. . . Luther sagte, die Welt sei Gott an die linke Hand getraut. Es ist verständnislos, der Kirche vorzuwerfen, sie habe die Sünde gepflegt, weil das dauernde Sündigen ihrer Glieder eine Lebensnotwendigkeit für sie gewesen sei; sie erkannte die Tatsache an, daß der Mensch sündig sei. Auch den Schauder des natürlichen Menschen vor dem Tode kannte Christus, da er wahrer Mensch war; vielleicht erlebte er ihn um so unermeßlich tiefer als andere, als sein Leben wertvoller war als das der andern. Man hat demnach nicht recht, heutigen Christen ihr Christentum deshalb abzusprechen, weil sie sich nicht zum Martyrium drängen, weil sie den Tod nicht dem Leben vorziehen und an allerlei irdischen Genüssen teilnehmen. Entscheidend ist die Frage, wo ihr Herz ist, ob bei Gott oder bei der Welt." Über die „Wandlungen im religiösen Leben Amerikas" berichtet Adolf Keller (Europäische Revue, 12. Jahrg., Nr. 11): „Das kirchliche Amerika ist heute nachdenklich geworden und vollzieht eine tiefe Selbstbesinnung, die nicht einfach als Abkehr vom kirchlichen Europa oder als Rückzug ins eigene sichere Haus gedeutet werden darf. Was aus dieser Selbstbesinnung hervorgehen wird, läßt sich im Augenblick noch nicht sagen. Keinesfalls eine neue noch stärkere Missionstätigkeit, oder eine noch angespanntere soziale Arbeit! Das bittere Nachdenken treibt zu radikaleren Lösungen. Ein Zeichen davon ist, daß gegenwärtig eine kirchliche Evangelisation über ganz Nordamerika geht, die anstatt äußerer praktischer Tätigkeit eine innere Vertiefung und Neuorientierung am Evangelium sucht. In eine zweite Richtung weist der Wille zu einem viel umfassenderen und grundsätzlicheren Zusammenschluß der zersplitterten amerikanischen religiösen 423

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