Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Neue Jugend und alter Glaube [Rezension]
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 421 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Neue Jugend und alter Glaube Der früher in Frankfurt an der Oder und nunmehr in Berlin amtierende Rabbiner Ignaz May bäum setzt in der vorliegenden Schrift mit dem Untertitel „Der Chaluz und der Baal-habajit in der Verantwortung vor der Lehre" die Gedankengänge seines vor einem Jahr (ebenfalls im Philo-Verlag) erschienenen Buches „Parteibefreites Judentum — Lehrende Führung und priesterliche Gemeinschaft" fort. Maybaum will Franz Rosenzweig nachfolgen und ein von außen nach innen, von der Weltläufigkeil zur Gläubigkeit weiterschreitendes, von Partei-Einkapselungen freies Judentum formulieren. Dabei geht er einer Auseinandersetzung mit der Orthodoxie, der Rosenzweig sich gestellt hat, aus dem Weg. Er sucht jedoch dem Liberalismus wie dem Nationalismus im neueren Judentum den ihnen zukommenden historischen Platz anzuweisen und zu zeigen, weshalb sie beide jüdisch als zu leicht befunden werden müssen. Die Absicht berührt ein dringendes Anliegen aller Nach- Rosenzweigschen Generationen und ist daher äußerst dankenswert. Wie alle aphoristischen Denker ist Maybaum im kritischen Bereich vorzüglich. Aber auf die positive Frage: Wie macht man das, Jude sein und Europäer bleiben, — auf diese Frage der Fragen bleibt auch er die Antwort schuldig. Auch vom kritischen Aphorismus kann man lernen, und wenn es nur das wäre, das Inventar der eigenen vergangenen und gegenwärtigen Existenz aufzustellen. Maybaum tut gut daran, nicht allzu ausgiebig auf die Schwächen des jüdischen Liberalismus loszupuffen — eine gefahrlose Angelegenheit, bei der man der ermunternden Zustimmung der Lacher und Lächler in den Rängen gewiß sein darf. Er wendet vielmehr die treffsicher gehandhabte Waffe des Herzl-Zionismus gegen den Angreifer, den er als „Nationalliberalismus" und in seiner gestalthaften Ausprägung der Chaluziut als „politischen Idealismus" vorstellt. Er vvirft dem Liberalismus mit Recht vor, daß er bis heute so gut wie nichts an Eigenem in Palästina geleistet habe, dem Zionismus aber, daß er Menschen, die aus dem Zwang jüdischer Not ohne Parteibuch ins Land kommen, die jüdische Legitimität ihres Schicksals verkürze. Ohne Zionsliebe gebe es keinen in irgendeiner Weise jüdisch zu nennenden Standpunkt, dem politisierten Zionismus aber fehle es an Verständnis für die „Organisierung der Diaspora". Die Wanderung von Land zu Land sei ein unaufhebbares jüdisches Schicksal, und eben dieses Schicksal sei es, das jüdische Gestaltung immer wieder von uns verlange. Man hört den Meister Rosenzweig sprechen, wenn Maybaum die Mittelpunktsfunktion Palästinas nur dann anerkennt, wenn der Jude in Jerusalem mit dem Juden in Berlin, Irkutsk und New York verbunden bleibt — was er aber als nur-politischer Jude niemals zustande bringen kann: „Wo das führende Lehrhaus steht, ist das Zentrum des Judentums". Grundsätzlich richtig gesehen, wenn auch ein wenig idealtypisch überzeichnet ist die Einordnung des in Deutschland lebenden Judentums 421