Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Die Stadt
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 412 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinz Berggrün: Die Stadt Der Fremde rührte sich nicht. Er sah in das Gesicht des andern wie in eine Landschaft, die man plötzlich von einer Bergspitze entdeckt und deren sonderbare Formen man für einen Augenblick versonnen betrachtet, ohne recht zu wissen, was nun eigentlich das Besondere an ihr ist, das einem solche Ehrfurcht gebietet. Der andere achtete nicht darauf, nahm den Fremden bei den Schultern und sagte eindringlich: „Gehen Sie rasch, es ist wirklich schon spät! Sie haben höchstens noch drei Minuten." „Ich gehe schon," stammelte der Fremde, „ich gehe schon." Er reichte dem andern wortlos die Hand, dann hinkte er, ohne sich noch einmal umzusehen, mit raschen Schritten dem Bahnhofseingang zu. Die Augenblicke, in denen er die Fahrkarte löste, die Treppen zum Bahnsteig hinaufsprang, die Sperre durcheilte und den abfahrbereiten Zug bestieg, vergingen, ohne daß er recht zur Besinnung kam. Erst als der Zug sich ächzend und stockend in Bewegung setzte und ein junger und sehr kindlich aussehender Mensch ihn fragte, ob dies ein Abteil für Nichtraucher sei, wußte er: ich fahre, ich verlasse die Stadt, ich kehre zurück. Er stellte sich ans Fenster und betrachtete die Stadt, die vorbeizog. Deutlich sah er, wie sie mehr und mehr von ihm abrückte. Mit jeder Sekunde liefen die Häuser schneller aus dem Weg, entfernten sich die Straßen eiliger. Die Lichter zeigten sich hastiger, heiserer wurden die Schreie der Autos und Trambahnen. Einmal polterte der Zug über eine Brücke. Der Fremde erschrak: der Fluß, sein Fluß! Aber schon waren sie vorbei, schon war nichts mehr von dem trüben Wasser zu sehen, und auch die Häuser hinter dem Fluß verschwammen immer mehr ineinander, bis sie nur noch eine unkenntliche graue Masse bildeten. Dörfer taumelten heran, prallten zurück, die Stadt in der Ferne wich nun ganz, wie der Zigarettenqualm des Mannes am Bahnhof zerging sie in der Luft. Der Fremde setzte sich auf seinen Platz zurück. Neben ihm der junge Mann mit dem kindlichen Gesichtsausdruck war mit der Lösung eines Kreuzworträtsels beschäftigt. Da er merkte, daß ihn der Fremde beobachtete — allerdings nicht aus Interesse, sondern lediglich aus dem Bedürfnis nach Ablenkung — hob er den Kopf und fragte: „Kennen Sie vielleicht eine Stadt...?" Er zählte eilig an den Buchstabenfeldern. „Nein," sagte der Fremde, „ich kenne keine Stadt. Es tut mir leid." Der Zug fuhr schneller; draußen schwirrten die Telegraphenstangen. 412