Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Die Stadt
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 411 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Stadt „Was soll ich Sie noch mehr damit langweilen", sagte er verärgert, „gehen Sie nur, fahren Sie nach Haus. Sie brauchen sich wirklich nicht aus Höflichkeit noch länger das mitanzuhören, was ja in Wahrheit mich nur allein beschäftigt." „Doch!" rief der Fremde, „doch, erzählen Sie nur. Es ist so wichtig, daß Sie mir alles sagen." Und da der andere keine Anstalten machte, weiter zu sprechen, fragte ihn der Fremde geradeheraus: „Was tun Sie denn nun eigentlich, womit füllen Sie Ihre Zeit, Sie müssen sich doch auf das Neue eingerichtet haben." „Denken Sie nicht, daß es mir gelang! Was ich tue, das sehen Sie ja selbst: die meiste Zeit streiche ich hier am Bahnhof herum, höre das Lärmen der Züge, die hereinpoltern in die Halle und hinausfliegen ins Land. Die Menschen, die aus dem Bahnhof und über diesen Platz kommen, bringen mir in den Falten ihrer Mäntel und in den Ritzen ihrer Koffer ein Stück von der Ferne mit, und die andern, die zu den Zügen gehen, tragen meine Sehnsucht mit hinaus... Vielleicht hatte ich mehr Pech als Sie. Gleich, als ich ankam, lernte ich einen Menschen kennen, bei dem ich vom ersten Augenblick an das Gefühl hatte: wir werden uns verstehen, wir werden gut zueinander passen. Und so war es auch. Ich vergaß rasch meine Angst vor der fremden Stadt, denn ich hatte ja einen Freund, der mir half, einen, auf den ich mich verlassen konnte, der immer Rat wußte und immer zu mir hielt Nicht eine Sekunde dachte ich daran, daß dieser Zustand sich einmal ändern könnte. Und dann eines Tages hatte ich eine Verabredung mit ihm, wir wollten zusammen zu Abend essen und anschließend ins Theater gehen, aber er, der sonst pünktlich war auf die Minute, kam nicht Ich' lief zu ihm, besorgt, daß er vielleicht krank sein könnte, doch man sagte mir, er sei fortgegangen. Am nächsten Morgen, in aller Frühe, erfuhr ich, daß er inzwischen nicht, nach Haus gekommen sei. Ich benachrichtigte die Polizei, tagelang suchte man nach ihm, vergebens. Er ist halt abgereist, sagte man und strich seinen Namen aus der Einwohnerliste. Und dann blieb ich allein. Allein in dieser fremden Stadt, wie ein Gast in einem fremden Haus, den man mit kalter Liebenswürdigkeit behandelt und dabei verstohlen auf die Uhr blickt und sich fragt, ob er denn noch immer nicht gehen will. Seit dieser Zeit wage ich kaum noch, mich in das Innere der Stadt zu begeben; ich habe das Gefühl, als sei mein Erscheinen dort unerwünscht. So lebe ich hier am Bahnhof. Die Züge tragen meine Wünsche hin und her. Das ist alles, was mir geblieben ist." Der Viertel-Schlag der Bahnhofsuhr zerriß die Stille, die zwischen den beiden Männern eingetreten war. Der Mann sagte: „So, und nun gehen Sie. Sie versäumen sonst Ihren Zug." 411