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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 389

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Thesen zur Wanderungsfrage
Date
1936-12-01
Page
389 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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Arthur Prinz: Thesen zur Wänderungsfrage i. Die Haltung der jüdischen Öffentlichkeit Deutschlands zur Wanderungsfrage zeigt einen merkwürdigen Kontrast. Während die tatsächliche Auswanderung in den letzten Monaten recht stark war1) und jede noch so abenteuerliche Nachricht über angebliche Einwanderungsmöglichkeiten vom Publikum mit brennendem Interesse aufgenommen wird, herrscht bei der Beurteilung der Wanderungsbewegung als eines Ganzen eine geradezu chaotische Verwirrung der Gefühle und Gedanken, die im wesentlichen zwei Ursachen hat: einerseits die fast allgemeine Unkenntnis der geographischen, wirtschaftlichen und politischen Grundzüge der Weltwanderungsfrage, von der das jüdische Wanderungsproblem nur ein Teil ist, andrerseits die widerstreitenden, und oft auch noch nicht genügend geklärten Ideale der verschiedenen Parteien und Gruppen. Also: Unkenntnis dessen, was ist, und Uneinigkeit über das, was werden soll, kennzeichnen die meisten Erörterungen über die jüdische Wanderungsfrage. Trotz dieser dumpfen Unklarheit in den grundsätzlichen Fragen leisten die zuständigen jüdischen Organisationen in der praktischen Arbeit der Berufsberatung, Umschichtung, Auswanrer-Betreuung und -Unterstützung Beachtliches, ja zum Teil Bewundernswertes. Aber all dies geschieht nur unter dem Drucke der Notwendigkeit, und meist ohne jedes kraftspendende und trostreiche Wissen um einen möglichen Sinn, um ein selbstgesetztes Ziel der Arbeit. Fert unda nec regitur — das gilt in höchstem Maße für die Auswanderungswellen, die seit 1933 bald stärker, bald schwächer die Judenheit Deutschlands erfaßt haben. Wenn dieser mehr als unbefriedigende Zustand sich allmählich ändern soll, so muß man versuchen, wenigstens gewisse Grundwahrheiten so festzustellen, daß es ohne starke politische Voreingenommenheit schwer fallen soll, sie wieder zu verrücken. Durch eine bessere Kenntnis der Tatsachen werden zwar widerstreitende Ideale nicht miteinander versöhnt; aber im Bereich des praktischen Handelns entsteht, wenn erst einmal das Vorhandene und das überhaupt Erreichbare erkannt ist, eine weitgehende Einigkeit oder wenigstens Kompromißbereitschaft selbst x) Die Zahl der vom Hilfsverein unterstützten Auswanderer betrug vom 1. April bis Ende September 1936 rund 2600, d. h. etwa 435 pro Monat (ohne Palästina). Da die freie Auswanderung wahrscheinlich erheblich höher, mindestens aber ebenso groß ist wie die unterstützte, muß die Gesamtauswanderung weit über 1000 Personen monatlich betragen haben. 389

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