Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Albrecht Schaeffer und die Bibel [Rezension]
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 383 (sequence 3)
- Language
- German
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„Gerechtigkeit ist besser als Opfer." Aber sie selbst fügt dann ihre neue Interpretation der Gerechtigkeit hinzu — die sie sowohl für die Völker wie für das Schicksal des Einzelnen verstanden wissen will: „Gerechtigkeit ist, wenn keiner mehr recht hat. . Endlich sieht der zurückgekehrte Mann nach langer Zeit der Qual und der freiwilligen Trennung von der Frau auch ihrer beiden Schicksal im ersten Bilde der Bibel. In der Schöpfungsgeschichte schlugen sie einmal nach, fanden aber andres als sie suchten: daß der Herr sein Gebot, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen, nur an Adam gab, nicht an Eva — sie war damals noch nicht geboren; daß sie also, als sie den Mann verlockte, nicht gegen Gott sündigte, nur gegen den Mann — und daß auch diese Schuld im Plane Gottes lag, damit alles erfüllet werde. . . Manch einer könnte wohl diese Versinnbildlichung neuer Zeitschicksale durch altgewohnte Bibelstellen abwegig finden. Aber nicht darauf kommt es an. Schon unsere alten Lehrer kannten neben der einfachen Worterklärung, dem Pschat, auch den dunklen Ssod — das Geheimnis. Und sie fügten alle vier Arten der Bibelerklärung zum „Pardes", dem Paradies, zusammen. —a.—s. Das Buch Kohelet. Ein Deutangsversach von Oberrabiner Dr. Josef Carlebach, Frankfurt a. M. 1936 Verf. gibt eine freie Übersetzung des alten Rätselbuchs und fügt, mit einer Einleitung, jedem einzelnen Abschnitt eine zusammenfassende Inhaltserklärung bei; den Abschluß bildet eine Betrachtung über „Koheleth im wechselnden Urteil der Zeiten". Carlebach erkennt die Autorschaft des Königs Salomo an und verteidigt sie. Das Buch ist ihm in Aphorismen geschrieben, so widerspruchsvoll wie eben die jeweils geschilderten Lebenserfahrungen selbst. Seine Tendenz gibt ihm jedoch durchaus einheitlichen Gesamtcharakter. Auf Grund des Bewußtseins von der Fragwürdigkeit des Menschenlebens will Kohelet einerseits vor Überschätzung alles Einzelnen, aber ebenso vor dessen völliger Bagatellisierung warnen und demgegenüber zeigen, daß der wahre Sinn des Menschenlebens im Jenseitigen liegt: in Gott und seinen Geboten. Ein erster Teil des Buches, Kap. 1—6, soll mehr negativ den Selbstsicheren klarmachen, wie unberechtigt die Überschätzung ihrer Freuden wie ihrer Leistungen ist, während ein zweiter Teil, von Kapitel 7 an, sich mehr positiv gegen die Kleinmütigen und Verzweifelten wendet, die das Menschenleben als absolut nichtig und sinnlos ansehen. Der „Prediger" seinerseits vertritt den Standpunkt, der richtige Pessimismus führe zur Lebensbejahung, zum Vertrauen auf das Morgen der Messiaszeit. „Der Augenblick muß verewigt, mit der Ewigkeit des Gottesreiches in Verbindung gesetzt werden." Zu dieser Einsicht, dem Übergang von einem empirischen Pessimismus zu einem metaphysisch-religiösen Zukunftsoptimismus, gelangt Kohelet durch den Gedanken des Todes, der als „der große Wegweiser des Lebens" vor uns steht und uns zeigt, „wie unendlich wertvoll der Augenblick zum guten Wirken ist". Es mag dahingestellt bleiben, ob 383