Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Albrecht Schaeffer und die Bibel [Rezension]
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 382 (sequence 2)
- Language
- German
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Erdreich — immer einmal sproßt es wieder hervor und treibt seltsame Blumen. . Auch sein neuestes Buch, der schöne ernste Roman „Cara", verhehlt dieses offenbar sehr frühe und unvergessene Erlebnis der Bibel nicht. Der Held dieses Buches, der Partner der Cara, ein schwerblütiger, bodenstarker, langsamer Mann, dem Albrecht Schaeffer wohl eigene Jugendeindrücke mitgegeben hat, trägt einen vieldeutigen hebräischen Namen, mit Bewußtsein einem bestimmten Kapitel der Bibel entnommen und nach seinem Fundort ausdrücklich gedeutet: Ebenezer heißt er, und der Wortsinn seines Namens, „Stein der Hilfe", wird mehr als einmal in seinem zwiespältigen Sinne auf den Menschen selbst angewandt — sowohl das Steinern-Unzugängliche und Unnachgiebige wie das Hilfreiche ist in den Menschen des Buches. Dieser Mann Ebenezer nun erzählt, wie er in früher Kindheit, kaum daß er lesen gelernt hatte, bei dem alten Freunde seiner Mutter eine Bibel fand, „und der volle Klang ihrer ersten Worte ,1m Anfang schuf Gott Himmel und Erde . . traf das ewige Gefühl in ihm und sagte ihm unvergeßbar: Dies ist das Buch' der Bücher". Da der Freund alles andre eher liest als die Bibel, nimmt der Knabe das Buch, versteckt es und liest sich im Laufe der Jahre hindurch, ohne daß jemand es weiß. „Da war nun Raum in seinem Innern für die weiteste Weite: für die Steppen, wo Abrahams Kamele zogen, und die Weiden von Jakobs Schafen, das Pyramiden-Land und das gelobte Land ..." Es erinnert fast an die Eindrücke, die der alternde Goethe in Dichtung und Wahrheit aus seiner kindlichen Bibellesung zurückruft; nur daß hier, da Albrecht Schaeffer ein mystisch gläubiger Christ ist, die Eindrücke der Evangelien überwiegen. Aber untrennbar von ihnen erscheint ihm das umwandelnde Erlebnis der „Einzigkeit der Wahrheit" im Alten Testament, „in keiner Ferne der Vergangenheit und der Landfremde, — es erschien ihm dort wo er ging und stand. Ein paar Büschel verdorrten Grases, ein Stück hoher Sommerwiese, eine braune Fläche Heidekraut dehnten sich vor seinen Augen zur Steppe oder zur Wüste aus; jeder Busch konnte vor ihnen im Feuer stehen. . . Und wie er heranwachsend mit der Kraft des inneren Schauens, die er besaß, es ganz in sich aufnahm, da wurde es auf eine Weise wirklich in ihm, die wohl niemand sich vorstellen kann; wirkliche Ströme auch die Ströme von Milch und Honig, ungeheuer die Herrlichkeit der himmlischen Scharen. . ." Auch das Schicksal des Mannes und seiner Gefährtin zeigt sich dem Dichter im biblischen Bilde. Der Himmel hat ihrer Ehe den Kindersegen verwehrt; und so ersteht Entzweiung zwischen den einst unlösbar Vereinten. Während der Mann fern im Kriege ist, wird die Frau die Geliebte eines Fremden, den sie als Kranken in ihr Haus aufnahm und heilte; sie gebiert ein Kind — und die Ehe scheint zunächst unwiederbringlich zerstört. Aber Gott hilft ihnen beiden, den Zwiespalt zu versöhnen; und wieder tröstet sich die Frau — kühn genug — mit einem Worte der Bibel: 382