Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Witakocha entdeckt Amerika
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 380 (sequence 2)
- Language
- German
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des „Gottes aus dem Osten" sofort ab. Am schlagendsten aber scheint für Warell die jüdische Herkunft des Fremden dadurch bewiesen, daß die ihm zugeschriebenen religiössozialpolitischen Reformen mit den Zeremonien und Einrichtungen des vorprophetischen jüdischen Staates übereinstimmen. Die Inka kannten noch zur Zeit der Eroberung ihres Landes durch die Spanier die Schmitta, das Jobeljahr und eine Reihe anderer Einrichtungen der alten jüdischen Sozialgesetzgebung. Es scheint demnach, daß „Witakocha" den Indianern Zentral- und Südamerikas die wesentlichen Begriffe religiöser und staatlicher Ordnung beigebracht hat. Nach Erfüllung dieser Aufgabe wanderte er, den Überlieferungen zufolge, von den Majas in Zentralamerika weiter zu den Azteken in Mexiko und von dort zu den Inkas nach Peru. Wohin er von Peru aus ging, darüber schweigen die Quellen; jede Spur von seinem Tode fehlt. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß im 16. Jahrhundert, als Cortez seine Eroberungszüge in diesen Gebieten unternahm, die Europäer, ohne auf ernstliche Verteidigung zu stoßen, nur deshalb so leichtes Spiel hatten, weil die Einwohner in den Fremden Nachkommen ihres göttlichen Lehrers vermuteten, gegen die sie nicht kämpfen wollten. Die Wirklichkeit hat ihnen eine doppelt grausame Enttäuschung bereitet. Die Theorie des amerikanischen Gelehrten scheint also gar nicht schlecht fundiert zu sein. Wie aber steht es mit den praktischen Möglichkeiten jener Zeit, vom Mittelmeer aus nach Amerika zu gelangen? Wer in Huelva, der kleinen südspanischen Hafenstadt, die „Santa Maria" betrachtet, das Schiff, mit dem Columbus Amerika entdeckt hat, dem mag es fast unmöglich erscheinen, mit solch einer Nußschale den Atlantik zu überqueren. Columbus hat es geschafft, freilich mit Kompaß und anderen nautischen Hilfsinstrumenten neueren Datums. Ein Schiff aus dem Jahre 1000 v. Chr. aber muß mit der Überquerung des Ozeans eine noch viel erstaunlichere Leistung vollbracht haben. Nur ein einziges Volk kann dazu imstande gewesen sein: die Phönizier, deren Schiffe und Matrosen die besten des Altertums gewesen sind. Zu jener Zeit nun waren die Juden eng befreundet mit den Phöniziern; man braucht nur an Salomo zu erinnern. Warell baut auf dieser Tatsache die Vermutung auf, daß eines der phönizischen Schiffe absichtlich, auf der Suche nach neuen Absatzmärkten, oder unabsichtlich, das heißt durch scharfen Oststurm verschlagen, bis an die Mündung des Amazonas gelangt ist. Es ist nicht unmöglich, daß ein der spanischen Westküste entlang fahrendes Schiff durch wochenlangen Sturm so weit abgetrieben und an der amerikanischen Küste gestrandet ist. Hier hat sich vielleicht, als einziger Mensch der Besatzung, ein Jude an Land zu retten vermocht — um zum Gott der Eingeborenen zu werden. Man darf gespannt darauf sein, wie die Wissenschaft Amerikas und Europas sich zu dieser Theorie des Gelehrten stellen wird, dessen Ernsthaftigkeit außer Zweifel steht. Leonhard Heinrich. 380