Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Zwei Sonette
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 367 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895561-2906594--09297-2906658- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jean Paul Friedrich Richter: Bemerkungen über den Menschen II. Ich will es sagen, zarter als ein Schweigen, Du solltest tonlos es aus mir erhören. Wie aber kommt es tonlos dir zu eigen, Da alle Worte es so roh zerstören? Ich will dich nicht mit schönem Klang betören, Ich will dir meine tiefste Wunde zeigen Und meinen Kern in dich hineinbeschwören, Mein Wesen segnend über deines neigen. Nimm es zu dir aus meinem letzten Schacht. Was noch des Fleisches ist und niedrig macht, O laß es gütig ein in dein Verstehen. Wir müssen auch den Abgrund in uns lieben lernen, Und was auch komme, laß uns lächelnd gehen Den Weg zur Hölle oder zu den Sternen. Weiber von viel Talent sind leicht ungläubig, Männer gläubig. Selber Kinder haben wieder etwas Kindisches, worüber sie selber lachen. Bei den Ursachen unbekannter wichtiger Begebenheiten raten wir immer auf angenehme oder unangenehme, selten auf wahrscheinliche und natürliche. Die Liebe der Menschen ist leichter zu erlangen als wiederzuerlangen. Jeder kennt noch ein Zeremoniell, über das er schimpft, und eines, das er behalten will. Was Wissenschaft für den Mann ist, ist für die Frau einer, der sie weiß. Der Mensch findet nichts dagegen, daß in der Vergangenheit immer eine Veränderung der Gesetze und Staaten nach der andern kommt — nur in der Gegenwart will er nicht daran. Die Weiber haben mehr Mut vor künftigen Übeln, Männer vor gegenwärtigen. Um zu wissen, wie gut oder schlimm eine Nation von sich denkt, muß man nicht auf das Schlimme hören, das sie von sich, sondern auf das, das sie von fremden Nationen sagt. 367