Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Eine Million zuviel
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Million zuviel Polen eingeleiteten Diskussion um die Regelung der Judenfrage. Der moralische und ökonomische Druck, den diese eine Million Menschen durch die bloße Tatsache ihres Vorhandenseins ausübt, genügt heute schon, um die Aufmerksamkeit der Welt wachzuhalten. Wer schärfer hinsieht, erkennt freilich, daß es nicht nur um diese eine Million und auch nicht um die anderen zweieinhalb Millionen Juden geht, die in Polen leben und deren wirtschaftliches Schicksal gleichfalls äußerst bedrängt ist, sondern um noch mehr, nämlich um die Zukunft des polnischen Staatsvolks in seiner Gesamtheit. Das erst erhebt die polnische Judenfrage in das Kräftefeld der großen Politik. Die Grundtatsache, von der her das Judenproblem in Polen jetzt in neue Bewegung gerät (nachdem lange Zeit hindurch die aus dem Zarenreich stammende Gepflogenheit, innerstaatliche Konfliktstimmungen in Judenexzesse ausmünden zu lassen, auch im neuen Polen sich erhalten hatte), ist nämlich eine eminent politische und ökonomische; antisemitische Strömungen ergeben sich erst sekundär wieder aus dem politisch-ökonomischen Tatbestand und liegen, wie führende Regierungsmänner zu wiederholten Malen hervorgehoben haben, den offiziellen Absichten keineswegs zugrunde. Polen ist ein übervölkertes Land. Der rasche Aufstieg, den seine Industrie und seine handelspolitische Weltgeltung in der Nachkriegszeit genommen haben, hat nicht vermocht, seinen Charakter als Agrarland grundlegend umzuwandeln. Die Agrarkrise, ein weltwirtschaftliches Phänomen von größter Bedeutung, das in allgemeinem Absinken des Preisniveaus der landwirtschaftlichen Produkte zum Ausdruck kam, hat ihre verheerende Wirkung auch auf Polen ausgeübt. Andererseits war die junge Industrie noch zu schwach, der Eigenbedarf bei dem Kulturstand der Bevölkerung zu gering, um die Folgen der Weltwirtschaftskrise wenigstens auf diesem Gebiet zu bannen. Obwohl Polen, durch dessen Gebiet die deutschen Schützengräben liefen, aus dem Weltkrieg auf der Seite der Siegermächte hervorging und obwohl die traditionelle französische Freundschaft viel Geld ins Land brachte, hat eine Krise nach der anderen den jungen Staat erschüttert. Das Sozialprodukt reichte 338