Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Palästinaerde als Grabbeigabe
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 320 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895560-2906504--09226-2906569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Max Grunwald: Palästinaerde als Grabbeigabe naanäische Magd, des ewigen Lebens teilhaft. Die Gerechten, die außerhalb Palästinas ihr Grab gefunden haben, können, wenn der Messias erscheint, durch unterirdische Gänge dorthin gelangen. Nach den Bibelexegeten Elieser aus Beaugency und Josef Bechor Schor ziehen sie ohne diese qualvolle Wanderung dort ein. Der Sohar (Teruma 150b) sowie Elia ha-Kohen in Midrasch Talpijot (62b) Gaguine, Keter schemtow I 576 u. a. führen noch weitere eschatologische Vorzüge des Bodens Palästinas an. Daher die Sehnsucht so vieler Greise, ihre Tage in Erez Israel zu beschließen und dort beerdigt zu werden. Offenbar entspricht demnach Palästinaerde als Toten-Beigabe der Ansicht, daß sie denen, die nicht auf dem Boden Palästinas sterben, dadurch, daß sie wenigstens auf oder unter palästinensischer Erde ruhen, einen Ersatz sichert und daß die Toten dadurch für ihre Sünden Verzeihung erlangen (vgl. Juda Aschkenasi, Baer heiew zu Jore dea § 362, 1). Der Fall, daß Palästinaerde von einem Juden einem Nichtjuden ins Grab gestreut wurde, steht wohl vereinzelt da. L. A. Frankl tat es im Anschluß an seine Rede am offenen Grabe des berühmten Orientalisten Joseph v. Hammer-Purgstall, der, ähnlich wie Alexander v. Humboldt, so manchen Juden, wie Albert Cohn, M. E. Stern u. a. gefördert hatte. Bekannter ist, daß die Pisaner bei der Anlage ihres Campo santo Erde verwendeten, die sie aus Palästina hatten kommen lassen. Bei den Sefardim besteht hier und da eine ähnliche Sitte, die aber augenscheinlich nichts mit Erez Israel zu tun hat. Die nächsten Angehörigen schütten drei Schaufeln Erde in einen Sack und legen diesen auf das Kopfende des Sarges. In Italien legt man dem Toten ein Säckchen Erde als Kopfpolster in den Sarg (nach Leon Modena, Historia de riti Hebraici, 114). „Auch Lafayette wurde in sein Grab Erde geschüttet, die er von seiner letzten Reise nach Amerika, seiner zweiten Heimat, zu diesem Zwecke mitgebracht hatte." Ob und inwiefern diese jüdische Sitte in einem Zusammenhang mit dem weißen Sand in alten deutschen Gräbern steht, in dem H. Müller-Brauel („Bremer Nachrichten" v. 8. 5. d. J.) einen „Volksbrauch der Vorzeit" festgestellt hat, ist schwer zu sagen. Der weiße Sand scheint auf die Meeresküste hinzuweisen, und, da es sich um Einwanderer aus Holland handelt, auf den Wunsch, in derselben Erde beerdigt zu werden wie die Vorfahren, in heimischem Boden. „Bei den Vätern zu ruhen" war ja auch die Sehnsucht der biblischen Patriarchen und wohl die ursprüngliche Ursache der Sitte, den Toten Erde aus Erez Israel beizulegen. In diesem Punkte würden sich somit der jüdische Brauch und der von Müller beschriebene begegnen. 320