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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 286

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Katheder und Kanzel [Rezension]
Date
1936-09-01
Page
286 (sequence 2)
Language
German
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einer religiösen Krisis, mußte leicht dazu führen, bei einem solchen Versuch trotz der selbst angegebenen Absicht das Problem „mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft und mit der Lebenserfahrung, die aus erlebter Geschichte erworben ist", zu behandeln, Kanzel und Katheder zu verwechseln, apologetische Darstellung und historischkritische Ergebnisse ineinanderfließen zu lassen. Daß auch ein Mann von der fast einzigartigen wissenschaftlichen Größe und inneren Gesinnung Harnacks dieser Gefahr nicht entging, dafür sind seine Ausführungen über das Judentum zur Zeit des Auftretens des Gründers des Christentums ein Zeugnis. Wie er, der Schüler Ritschis, seine wissenschaftlichen Ansichten begründete, mit welchen Mitteln er sie stützen zu können glaubte und welche Mängel seine Auffassung vom Judentum aufwiesen, — besonders Nichtberücksichtigung des rabbinischen Schrifttums und der jüdischen Wissenschaft! — das hier zu erörtern und kritisch noch einmal aufzuzeigen, würde zu weit führen. Nur zwei kritische Zitate seien hier herangezogen, die sich auf Harnacks Beurteilung des »Gesetzes4 im Judentum und seine ethisch religiöse Bedeutung bezieht. Joseph Klausner sagt in „Ischi ha nosir": „Das Gesetz war für Israel mehr als eine Religion allein und mehr als eine Ethik allein. Es war für Israel der Weg des Lebens." Und G. Kittel formuliert seine von Harnack abweichende Stellungnahme in „Die Religion in Geschichte und Gegenwart" dahingehend, daß „die Normierung am Alten Testament dem Christentum seine sittliche Kraft gibt, daß in den Einzelgeboten und mehr noch in dem ganzen Geist die sittliche Forderung eins geworden ist mit der Gottesforderung, daß die Forderung der Bergpredigt zunächst nichts als diese Gottesforderung erfüllen will und daß es grade die tiefsten Kräfte der alttestamentlichen Religion sind, an die das Urchristentum anknüpft". Auch an anderer Stelle ist gerade von Seiten der christlichen Religionswissenschaft auf diese Zusammenhänge hingewiesen worden. Aller historischen Erkenntnis sind Grenzen gesetzt, die durch das Wesen des Objektes der Erkenntnis, aber auch durch das Wesen des Erkennenden selbst bestimmt sind. „Der christliche Religionshistoriker wird das aus dem Judentum Herausführende von den seelischen Voraussetzungen des Christentums zeichnen, der Jude wird es von den Voraussetzungen des jüdischen Denkens aus tun", beide werden nicht anders denken und sehen können. Geschichtliches Denken ohne jede persönliche Voraussetzung gibt es ebensowenig wie ein Atmen im luftleeren Raum, aber es ist etwas anderes, wenn man geschichtliche Ereignisse oder Persönlichkeiten nicht schildert wie sie sind, sondern wie man wünschte, daß sie gewesen wären. Auch bei einem Manne von der Geistigkeit und Weite Harnacks konnte das Judentum seinem „historischen Schicksal von Marcion an, verkannt zu werden", nicht entgehen. Daß dem so ist, ist kein Beweis für die Schwäche des Judentums zu einer bestimmten Zeit, sondern nur ein Zeichen einer Tragik, deren Voraussetzung die Größe ist. Ernst Fraenkel. 286

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